Staatsminister Bernd Schmidbauer, im Bundeskanzleramt Koordinator für die Geheimdienste, ist schon seit langem alarmiert. Es bestehe die reale Gefahr, daß die deutsche Wirtschaft aus allen Richtungen ausgespäht wird, erklärte der wegen seiner forschen Art gelegentlich als 008 apostrophierte Schmidbauer unlängst.

Daß bei Spionageangriffen auf den Industriestandort niemand auszuschließen ist, nicht einmal die Nachrichtendienste befreundeter Länder, wird in einem bisher wenig beachteten Papier des Europäischen Parlamentes belegt. Darin heißt es: "In Europa werden alle e-mails, Telefon- und Faxverbindungen routinemäßig vom NSA (National Security Agency der USA) überwacht und von Europa über eine strategische Zwischenstation in London per Satellit ... nach Fort Meade in die USA geleitet."

Rainer von zur Mühlen, Bonner Unternehmensberater für Sicherheitsfragen, hält es für durchaus möglich, daß sich sowohl Geheimdienste wie auch Konkurrenten mit Hilfe modernster Kommunikationstechnik Zugang zu Betriebsgeheimnissen verschaffen können. Längst nutzten auch die Nachrichtendienste das weltumspannende Internet. Weil dort immer mehr Firmen präsent seien, ohne an die Sicherheit zu denken, geht von zur Mühlen auch davon aus, daß elektronische Einbrüche zunehmen werden, ohne daß die Firmen davon überhaupt etwas merken. Von zur Mühlen weiß, wovon er redet: "Wir führen zum Beispiel Banken in deren Auftrag vor, wie man mit jedermann zugänglichen Methoden in ihre Systeme eindringen kann."

Die praktisch unentdeckbaren elektronischen Einbrüche sind denn auch der Grund dafür, weshalb konkrete Fälle erst gar nicht bekanntwerden. Dennoch ist auch der im Bonner Wirtschaftsministerium für den Geheimschutz zuständige Ministerialrat Heinz G. Albach davon überzeugt, daß die Möglichkeiten der Industrie- und Konkurrenzspionage per Internet geradezu unbegrenzt sind. Und das "kann für Unternehmen, die ihre internsten Firmenvorgänge gespeichert haben, existentiell sein". Existentiell allerdings sind die klassischen Methoden der Wirtschaftsspionage vorerst auch noch. Sie beginnen beim schlichten Diebstahl von Dokumenten und Produkten und enden bei der abgefeimten Gesprächsabschöpfung während eines scheinbar harmlosen Plausches.

Ein Opfer der traditionellen Spionage ist die Firma Enercon in Aurich, größter deutscher Hersteller von Windkraftanlagen. Agenten der US-Firma Kennetech hatten 1994 geheime Daten des ostfriesischen Unternehmens ausgekundschaftet und später in den USA behauptet, die Deutschen hätten Bauteile verwendet, die in den USA entwickelt wurden. Das amerikanische Unternehmen verklagte die deutsche Firma wegen angeblicher Verletzung des Patentrechts vor einem US-Gericht. Weil über die Klage noch immer nicht entschieden ist, darf Enercon nach US-Bestimmungen vorerst nicht mehr den amerikanischen Markt beliefern. Justitiar Stefan Knottnerus-Meyer: "Wir haben dadurch Umsatzeinbußen in dreistelliger Millionenhöhe."

Ziemlich viel Geld stand auch im Spionagefall der Pharmafirma Boehringer Mannheim auf dem Spiel. Das Unternehmen konnte nachweisen, daß es vom amerikanischen Konkurrenten Johnson & Johnson ausspioniert worden war. Ein Mitarbeiter der Johnson-&-Johnson-Tochter LifeScan soll sich 1992 in ein Boehringer-Verkaufsmeeting eingeschlichen und Dokumente über das Blutzucker-Meßinstrument Accu-Check Easy entwendet haben. In einem weiteren Fall soll ein ehemaliger Mitarbeiter der Mannheimer den Amerikanern zum Prototyp eines neuen Gerätes verholfen haben. Nach Presseberichten haben sich Späher und Ausgespähte jedoch außergerichtlich geeinigt. Johnson & Johnson soll den Mannheimern vierzehn Millionen Dollar Wiedergutmachung gezahlt haben. Ein Firmensprecher von Boehringer mochte das weder bestätigen noch dementieren: "Beide Unternehmen haben sich vertraglich zu Stillschweigen verpflichtet." Ähnlich ging der spektakuläre López-Fall zwischen General Motors und VW aus.

Josef Karkowsky, bis vor kurzem Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit in der Wirtschaft (ASW) und zuvor für den Verfassungsschutz tätig, kann sich über das lasche Interesse der Bundesregierung an der Ausspähung deutscher Firmen nur wundern. Während die größte Industriemacht der Welt, die Vereinigten Staaten, die Wühl- und Schnüffelarbeit ausländischer wie inländischer Agenten gegen die amerikanische Industrie zur Chefsache des Präsidenten gemacht habe, sei die Spionageabwehr in der Bundesrepublik ein weites, zerrissenes Feld. Zwar attestiert Karkowsky dem Bonner Staatsminister Bernd Schmidbauer guten Willen, "solange aber Änderungen nicht von oben politisch gewollt sind, hat Wirtschaftsspionage nach deutscher Mentalität nur Unterhaltungswert". Für Bundeskanzler Helmut Kohl ist Spionage in der Tat kein Thema von Rang. Er hält es vielmehr mit dem Motto, das schon seine Vorgänger gepflegt haben: Agenten halten sich für wichtig, sind es aber nicht.