Wenn Fußball Kunst ist - und wer wollte in diesen Tagen daran ernsthaft zweifeln -, wie steht es dann um die deutsche Kunst? Die Spieler, so heißt es allenthalben, seien ja schon allein aufgrund ihres Alters museumsreif. Eigentlich gibt es zur Zeit nur eine große Strömung, und neu ist auch die nicht: Arte povera. Armselig der Spielaufbau, spröde der Charme dieser Performance. Bleich und hohlwangig stiefeln die Künstler über den Platz, Sack und Asche würden dazu besser passen als die grellen Polyesterleibchen, mit denen sie den wahren Kern ihrer Kunstanstrengung verhüllen. Drehung, Dribbling, Übersteiger - alles verpönt. Ornament ist Verbrechen.

Aber der archaische, rußschwarze Auftritt hat Erfolg. Viertelfinale in Lyon, das ist wie eine mittelgroße Schau im MoMA. Da werden die Deutschen allerdings Probleme bekommen, hat Pelé gesagt, einst der Welt berühmtester Künstler, heute ein Kunstkritiker von Gewicht. Wille allein reiche nicht aus. Damit hat er wohl recht, Kunst kommt von Können, sonst hieße sie Wulst.

Nie leistet sie sich die fahrlässige Verschwendung barock verspielter Mannschaften, die zwar wie auf einer Komposition Tiepolos virtuos durcheinanderwirbeln, aber spätestens nach dem Achtelfinale nach Hause fahren müssen. Das ist nämlich nicht mehr zeitgemäß. Und zu guter Letzt hat die deutsche Mannschaft Geschichtsbewußtsein. Keine hat wie sie das eherne Gesetz der Fußballkunst verinnerlicht, daß ein Spiel neunzig Minuten dauert.

Am deutschen Spiel ist nichts zuviel und nichts zuwenig, es ist der Fußball der Jahrtausendwende: reduced to the max. "Schön" ist das nicht, aber was ist schon schön an der Moderne?

Nun werden böse Zungen behaupten, das sei alles ein Mißverständnis. Denn Kunst könne nur sein, was willentlich geschehe, wenn der Verzicht auf Spielwitz, Tempo, Raserei freiwillig erfolge. Die deutschen Spieler aber seien selbst ganz unglücklich mit ihrem Werk und würden lieber anders, wenn sie könnten. Das wird uns gewiefte Interpreten nicht verunsichern. Künstler sind schlechte Deuter ihrer selbst. Wir halten es mit Schleiermacher und schreiten hermeneutisch voran, bis wir das Werk sogar besser verstehen als sein Urheber. Zumindest bis Samstag. Dann ist Viertelfinale. Und vielleicht der Beginn einer neuen Epoche.