Um dies gleich zu sagen: Der verspätete Antikommunismus, den man im Bonner CDU-Haus mit solch speichelnder Hingabe betreibt, taugt soviel, nein, sowenig wie der verspätete Antifaschismus, der die Generation von 1968 auf wundersame Weise in eine Phalanx der Widerstandskämpfer verwandelt hat. Damals wie heute: heroisch gestikulierender Opportunismus, nonkonformistisch getarnte Mit- und Nachläuferei.

Es ist angebracht, den Stabstrompeter Hintze und seine Schalmisten daran zu erinnern, daß sich ihre Partei der Blockflöten und der Anpasser-Mentalität ohne die geringste Hemmung bediente. Und was die historischen Versündigungen angeht: Kein westdeutscher Bürger hat sich um die Stabilisierung der roten Bürokraten-Republik im Osten größere Verdienste erworben als Franz Josef Strauß, der nicht müde wurde, Milliarden guter Westmark hinter Zaun und Mauer zu schaufeln. Daß seine Subventionen dem kranken Lemuren-Staat Honeckers nicht auf die Beine halfen: Dafür konnte der bayerische National-Stratege nichts.

Dies ist wichtiger: Der einstige Synodalpräsident Höppner - mehr Bruder als Genosse - hat die Weisungen des Kanzlerkandidaten mit einigen forsch kalkulierten Finten außer Kraft gesetzt. Schlimmer: Bundesgeschäftsführer Müntefering erklärte mit der echsenhaften Ungerührtheit, die sein Mienenspiel auszeichnet, das Magedeburger Modell könne sehr wohl in Mecklenburg-Vorpommern und in Thüringen Schule machen.

Es ist nicht anzunehmen, daß dieser scharfe Akzent ohne Verständigung mit dem Parteivorsitzenden gesetzt wurde. Dies heißt aber, daß Schröders Autorität in der Partei bei der ersten Prüfung, der sie unterworfen wurde, lautlos in sich zusammensackte. Zur Belohnung räumte der Kandidat dem Geschäftsführer einen Platz in seinem Schattenkabinett ein, das er aus mysteriösen Gründen nicht so genannt wissen will. Höppner hat der CDU, die er mit solch unchristlichem Hochmut verachtet, unschätzbare Dienste geleistet.

Wohl verkünden die Genossen nun unisono, daß ihr Kandidat keineswegs mit Hilfe der PDS auf den Kanzlerstuhl klettern wolle. Heinrich August Winkler wies (im Feuilleton der FAZ) darauf hin, daß die Bundestagsfraktion der SPD am bloßen Versuch zerbrechen würde. Damit ist das leidige Kapitel nicht erledigt. Wie steht es mit der Glaubwürdigkeit? Warum darf für Magdeburg, Erfurt und Schwerin eine Sondermoral gelten, die man in Bonn weit von sich weist?

Weil, predigt Bruder Höppner, in Ostdeutschland eine andere "Befindlichkeit" herrsche, auf die Rücksicht zu nehmen sei. Die CDU und Helmut Kohl, wurden wir belehrt, stießen hinter der Elbe auf solch grimmigen Widerwillen, daß eine Große Koalition mit der Partei des Kanzlers dem schieren Unverständnis begegne. Kühle Analytiker rechneten den Sozialdemokraten vor, daß ein CDU-Minus von 100 000 Stimmen in den neuen Ländern genüge, den Koloß Kohl zum Rückzug aus dem Palais Schaumburg zu zwingen.

Das mag so sein. Es hatte gewiß seine Gründe, daß der Kanzler, der kein Arg vergißt, das ihm angetan wurde, den Erzfeind Biedenkopf plötzlich vertraulicher Aussprachen würdigte, ja daß er den Namen des Wahlkönigs der Sachsen fürs Amt des Bundespräsidenten ins Spiel bringen ließ: Notstandsmanöver, die eine hohe Alarmstufe signalisieren. Es sind Zweifel erlaubt, ob sie den Christdemokraten ostwärts auf die Beine helfen. Der Schuß ins eigene Bein, den sich der neue Regierungssprecher erlaubte, ist gewiß keine Hilfe, obschon er nur ausplauderte, was so viele der Mitbürger denken: daß die teure Solidarität drüben wenig Dank erntet. Die innerdeutschen Beziehungen sind nicht nur materiell, das versteht sich, sondern auch mental zur Einbahnstraße geworden.