Intellektuelles Fernsehen hatte es schon immer schwer: Schwierige Texte kann man mehrfach studieren, man kann sie raustrennen, zusammenfalten und in die Brieftasche stecken. Das Fernsehen hingegen hält sein Angebot immer nur augenblicksweise offen, und was vorbei ist, ist vorbei. Das macht es komplizierten Inhalten schwer, in diesem Medium zur Geltung zu kommen.

Dennoch haben die öffentlich-rechtlichen Anstalten nicht darauf verzichtet, anspruchsvolle Debatten ins Programm zu heben, und auch die Kommerzsender halten ihre "Fenster" für philosophische Vorträge offen. Zwar gibt es in der Prime time keine schwere Kost, aber zur Geisterstunde darf der Tiefsinn aus der Flasche. Und hier gilt folgende Regel: Um den Vorteil, den das Printmedium in puncto Zeitsouveränität bietet, wettzumachen, muß das Fernsehen dies eine tun: vertiefen und wiederholen, zusammenfassen und zuspitzen. So hat auch der komplexe Gedanke die Chance, auf dem Bildschirm Gestalt anzunehmen.

Viel hängt von den Gästen, also von einer geschickten Einladungspolitik ab. Und da hat das "Nachtstudio" eine glückliche Hand bewiesen. Stars wie Freud-Biograph Peter Gay sitzen da beim Thema "Lesart der Seele" neben kaum bekannten Spezialisten oder auch fidelen Youngsters, die etwas über Kultfernsehen oder Herrenwitze veröffentlicht haben. Bücher zur Sendung werden auch ausgelobt, wer will, kann neueste Infos über "Wie neu ist das Neue", "Rohstoff Bildung", "Jahrhundertplage Sex" oder "Weltanschauung Fußball" gleich abrufen. So lebt Fernsehen mit Anspruch allen Toterklärungen zum Trotz munter fort und zeigt uns auf seine Weise, wie reich unsere Welt doch ist: nicht nur an Themen, auch an Fernsehformaten.