Aus DIE ZEIT Nr. 27 vom 1. Juli 1948, S. 8´2

Um die Sommersonnenwende des Jahre 1948 hätte das Zusammensein der Alliierten des Zweiten Weltkrieges ein dreijähriges Jubiläum begehen können. Doch die alliierten Tausender, die die sowjetischen Besatzungssoldaten in den Frühsommertagen 1945 der Berliner Bevölkerung als bescheidenes Entgelt für manche Entnahme und manche bittere Stunde überbrachten, sind nun den armseligen Pfifferling wert geworden, den die internationale Politik auf die in Berlin begonnene Zusammenarbeit der "Alliierten" heute setzt. An der Währungsfrage, an der Frage des guten oder schlechten Geldes, an der Frage der freien oder befehligten Wirtschaft hat sich die alliierte Politik aufs brenzligste entzündet. Was absurd, unmöglich, wahnwitzig schien, ist Realität geworden: in der Hauptstadt Berlin, mitten in Europa, mitten in Deutschland, laufen zwei Währungen nebeneinander, zwei Geldsystem, zwei Wertordnungen, die jedem Einwohner stündlich die verwegene Zweiteilung der Welt schmerzlich klar machen.

Der Montag lief schwerfällig an. Man raunte sich zu: nun sei es so weit. Jetzt müsse der Osten auch etwas tun. Der Osten tat etwas. Er, der immer schwieg, wurde redselig. Besprechungen in Karlshorst, im russischen Hauptquartier, mit dem russischen Finanzexperten Maletin und den Finanzministern der Sowjetzone wurden angekündigt. Die "Wirtschaftskommission" der Ostzone machte von sich reden. Sie tagte in Permanenz, und dunkle Informationen durchwanderten die Stadt: es werde ein Schlag gegen die westliche Reform werden. Der Interzonenzug fuhr nicht mehr. Der Weg nach dem Westen war abgeschnitten. Man verstand es, daß den Bündeln wertlosen Geldes die Straße versperrt wurde. Dann kam spät abends die unwahrscheinlich klingende, aber von allen Berliner Sendern bestätigte Nachricht: morgen würden in Berlin noch einmal gemeinsame Währungsbesprechungen aller vier Besatzungsmächte stattfinden. Sokolowski habe auf die Initiative des Westens sofort positiv reagiert und sogleich zwei Fachleute für die Konferenz benannt. Berlin ging schlafen in einer unwahrscheinlichen, einer letzten Hoffnung. Dienstag verschlingt die Stadt ihre vielen Zeitungen mit riesigem Interesse. Um zwei Uhr nachmittags, so steht dort zu lesen, sollen die Besprechungen im Kontrollratsgebäude beginnen. Das ist, fast auf den Tag, drei Monate nach jenem Tag an dem Marschall Sokolowski den Kontrollrat gesprengt hat. Die vier Flaggen wehen wieder einmal vor dem Haus im Kleistpark, im amerikanischen Sektor. Die Blumenrabatten sind gepflegt, die Küche ist vorbereitet. Menschen sammeln sich gegenüber der Einfahrt: Menschen, die wissen, daß hinter dieser Fachleutekonferenz, der einzigen seit langem, ein Stück Schicksal für die Stadt steht. Abends sickert nur die eine Nachricht durch: man habe eine Essenspause eingelegt; um 20 Uhr werde man wieder zusammenkommen. Komandantursitzungen haben in letzter Zeit immer mindestens zwölf Stunden gedauert; das wissen die Berliner. Inzwischen aber sind die Angestellten der Sparkassen und Bankinstitute im Ostsektor in Quarantäne gesetzt. Die Bezirksämter des Sowjetsektors richten einen Notdienst ein. In der "Wirtschaftskommission" im ehemaligen Luftfahrtministerium wird "geklebt". Nun wird es rasch bekannt: das Ostgeld wird in Eile hergestellt; mit Kleistertopf und Klebemarken. Der Abend kommt, ein kühler, bisweilen regnerischer Abends. Das Kontrollratsgebäude ist hell erleuchtet, bis 22.45 Uhr. Dann springen die Wagen an. Die russischen zuerst, die anderen hinterdrein. Es ist zu Ende. "Ohne Ergebnis", so ruft ein britischer Dolmetscher den wartenden Journalisten zu. "Und?" fragt man zurück. "Es wird keine Sitzung mehr geben", erwidert er müde, als er in den Wagen steigt. Eine halbe Stunde vor Beendigung der Sitzung klingelte bei Frau Schröder, der Oberbürgermeisterin, das Telephon; sie solle um 11 Uhr nachts zur Entgegennahme einer wichtigen Mitteilung der russischen Zentralkommandantur im Stadthaus sein. Der Stadtverordnetenvorsteher Dr. Suhr fährt sie zur Parochialstraße in den russischen Sektor. Dort warten sie gemeinsam mit dem zweiten Bürgermeister Dr. Friedensburg bis nach Mitternacht. Niemand kommt. Frau Schröder fährt mit Dr. Suhr nach Hause. Dr. Friedensburg wartet und hält eine halbe Stunde später einen russischen Befehl in der Hand, wonach die Berliner Stadtverwaltung angewiesen wird, die in diesen Tagen anlaufende Geldreform der Ostzone in ganz Berlin kategorisch durchzuführen.

"Für die Sowjetzone und für das Gebiet Groß-Berlins" steht immer wieder in dem langen Befehl des Marschalls Sokolowski, der am Mittwoch morgen das Gespräch der Stadt ist -– Ein russischer Befehl für ganz Berlin - das ist seit Mai 1945 nicht mehr dagewesen. Es ist die kritische Stunde der Stadt. Der Besitz von anderem als durch die Sowjetbehörde eingeführtem Geld ist unter Strafe gestellt; Anweisungen an alle Bezirksämter und Polizeistellen der Stadt stehen in diesem Befehl. Die ersten stunden, in denen die Dramatik dieser Verordnung begriffen wird, laufen unerträglich langsam. Der Magistrat ist im russischen Sektor zusammengetreten. Man erinnert sich jetzt doppelt und mehrfach, aß er eine große nichtkommunistische Mehrheit hat. Auch die westlichen Kommandanten sind in aller Frühe zusammengetreten. Was werden sie tun? Sie müssen handeln, das weiß man, das erwartet man. Und dann kommt gegen Mittag der westliche Gegenbefehl: "Sowjetische Befehle sind für die westlichen Sektoren null und nichtig ..."

Das Radio kreischt, brüllt über alle Straßen, aus allen Häusern: "Wir erwarten in Kürze eine besondere Meldung." Man erinnert sich, es war ja Krieg, als es so oder so ähnlich hieß. Dann erfolgt die Ankündigung, die Deutsche Mark werde in den Westsektoren eingeführt werden. Die Geschäfte und die Banken hätten zu schließen. Weitere Anordnungen würden folgen. -– Nun sprachen Befehle hin und her über das Brandenburger Tor. Die Sondersitzung des Berliner Stadtparlaments fand vier Stunden nach dem westlichen Gegenbefehl statt. Die Berliner Selbstverwaltung suchte einen Weg zwischen den Befehlen von hüben und drüben. "Rias" hatte sich eingeschaltet. Er ersparte vier Stunden lang den Hörern draußen in Deutschland nichts von dem organisierten kommunistischen Lärm, der die gewählte Berliner Stadtvertretung niederschreien sollte. Zwei Stunden braucht man, um die aufgewiegelten Claqueure aus dem Haus herauszubringen. Dann wurde die nunmehr eingetretene Situation der Parallelwährung besprochen. Auch in diese Schwierigkeit schickte sich das Parlament, das in dieser ernsten Lage die Bürde der schweren Verantwortung trägt. In die Nacht hinein klingt das Toben des Terrors.

Donnerstag morgen ist das westliche Währungsgesetz da. Die Menschen vergleichen. 60 Westmark gegen 70 Ostmark, und zunächst keine Aufwertung der kleinen Sparguthaben auf der russischen Seite. Sie runzeln die Stirn. Und im russischen Sektor beginnt der Umtausch. Schlecht sieht das Geld aus; das finden sie alle. Flüchtig und primitiv ist die Stempelmarke über den Schein geklebt. Amerikanische Panzerspähwagen rollen durch die Straßen. Man ist dauernd unterwegs. Die Gruppen an den ehemaligen Schwarzhandelsecken werden dicker und runder. Kein Angebot ist vorhanden, bis am Nachmittag die ersten Kupons des Ostgeldes erscheinen. Am Abend ist der Preis schon zweimal gefallen. Ganze Bogen werden am Potsdamer Platz angeboten. Aber Brot ist nicht da, und von der "Deutschen Mark" noch keine Spur. Am Spätnachmittag stehen 80.000 auf dem Fußballplatz von "Hertha" am Gesundbrunnen, von der SPD gerufen und von dem gewählten und nicht bestätigten Oberbürgermeister Reuter angefeuert: Die Schlacht um Berlin werde nicht gewonnen wie der Kampf und den Balkan und um Prag. Es ist eine erschütternde Demonstration der Eingeschlossenen in dieser großen Stadt. Mittags ist bekannt geworden, daß die Russen endgültig sämtliche Zufuhren aus dem Westen auf dem Landwege gesperrt haben. Um Mitternacht haben sie für die Westsektoren den Strom geschlossen. Gerüchte durcheilen die Stadt: das Wasser werde abgesperrt, das Gas werde nicht mehr funktionieren. Belagerung.

Freitag klettert das Prestige des Westens von Stunde zu Stunde. Die "Deutsche Mark" wird ausgegeben, die Ostmark dazu. Die Westmächte haben für die bewirtschafteten Waren, Mieten und öffentlichen Leistungen auch die Ostmark zugelassen. Und nun kommt die große Stunde für die Berliner. Man kann beides haben; die Westalliierten, so spricht sich rasch herum, haben nichts dagegen. Als "Volksverräter" bedroht der Berliner Rundfunk diejenigen, die in den Westsektoren die "Deutsche Mark" annehmen. "Volksverräter" sind alle, die ein Stempel im Personalausweis als Empfänger von "Deutscher Mark" kennzeichnet. Auch die Erpressungen nehmen sie hin; und das schnell "Tapetengeld" getaufte Ostgeld dazu. Denn man kann sich im Ostsektor noch einmal eine Kopfquote in Ostgeld abholen; umgekehrt freilich nicht. Ostgeld wird man brauche, so wird rasch kalkuliert. Für die S-Bahn, für die Miete, die Steuern und dergleichen. Früh stand der Kurs von Deutscher zu Ostmark noch 1:1, abends liegt die Ostmark bereits mit 1:5 hoffnungslos hinten. Am Abend gibt es wohl noch kaum jemanden, der einen Pfennig des neuen Westgeldes ausgeben wird, während das Ostgeld bereits neue Schwarzmarktkurse züchtet. Das Westgeld ist in einem einzigen Tag zur Devise geworden.