Verbrechen scheinen immer denselben Reflex auszulösen. Dem Anschlag deutscher Hooligans auf einen französischen Polizeibeamten folgte sofort der Ruf nach schärferen Gesetzen, nach einer schnelleren und härteren Bestrafung von Gewalttätern.

Die Schlagbäume in Europa sollten wieder heruntergelassen werden, hieß es nun der Vertrag von Schengen sei schuld daran, daß die Chaoten ungehindert nach Frankreich reisten. Hohe Kriminalbeamte forderten, potentielle Randalierer für die Dauer der Fußballweltmeisterschaft vorsorglich einzusperren. Und im Bundestag rühmten die Abgeordneten einstimmig das französische Schnellverfahren, das sie den hiesigen Strafgerichten zur Nachahmung empfahlen. Alles in allem wurde wieder einmal der Eindruck erzeugt, die deutsche Polizei und Justiz seien unzureichend gerüstet.

Der Eindruck trügt: Wie in Lens und Paris, so können Hooligans auch in Hamburg oder München zügig bestraft werden. Und der Bundøesgrenzschutz darf auch nach Schengen an den Grenzübergängen jederzeit stichprobenartig kontrollieren. Vielleicht hat er dies zu Beginn der WM nicht ausreichend getan. In den vergangenen Tagen jedoch ließen sich Polizeibeamte von mehr als zehntausend Reisenden die Pässe zeigen, prüften das Gepäck und verweigerten jenen Fans die Ausreise, die Messer, Schlagstöcke oder andere Waffen mitführten.

Was in der öffentlichen Debatte oft verschwiegen wird: Der Vertrag von Schengen erlaubt in Ausnahmefällen sogar lückenlose Grenzkontrollen. Für die Dauer der Weltmeisterschaft hätten die Schlagbäume also durchaus fallen dürfen, doch haben die Franzosen bewußt darauf verzichtet.

Die Polizisten einiger Bundesländer dürfen potentielle Gewalttäter sogar vorsorglich festsetzen. Allerdings muß im konkreten Fall eine erhebliche Gefahr zu erwarten sein - was zum Beispiel der Fall ist, wenn Rechtsextremisten oder Autonome bewaffnet zu einer Kundgebung anreisen. Die bloße Zugehörigkeit zur Hooligan-Szene und ein Ticket zur Fußball-WM rechtfertigen so eine Maßnahme nicht. Freiheitsentzug ist die schärfste Sanktion, die unser Recht kennt. Kein europäischer Staat erlaubt es seiner Polizei, Menschen auf bloßen Verdacht hin zu inhaftieren. Baden-Württemberg beugte in den vergangenen Tagen auf eine andere Weise vor: Die Behörden erließen gegen zwanzig Hooligans Meldeauflagen, um sie an der Randale in Frankreich zu hindern.

Zügig verurteilen können auch die hiesigen Gerichte - sofern die Beweislage eindeutig ist und dem Angeklagten nicht mehr als ein Jahr Haft droht. Um schnell zu prozessieren, dürfen auf frischer Tat Ertappte sogar unverzüglich in die sogenannte Hauptverhandlungshaft genommen werden. Städte wie Bremen, Hamburg, Berlin und Potsdam machen von diesem 1994 eingeführten Ruckzuckverfahren regen Gebrauch, sogar am Wochenende.

Theoretisch also ließen sich die Randalierer von Lens auch hierzulande rasch vor den Richter und ins Gefängnis bringen - auf Grundlage französischer Ermittlungen. Praktisch aber gibt es Schwierigkeiten. Die Zeugen nach Deutschland zu laden ist kompliziert und langwierig. Es ist darum allemal effizienter, deutsche Straftäter vor ein französisches Gericht zu stellen und auch dort einzusperren. Die Erfahrungen lehren, daß Hooligans nichts mehr fürchten als den Aufenthalt in einem ausländischen Gefängnis.