Opposition ist freudlos, aber bequem. Munter läßt sich allerlei fordern, solange man ohnehin keine Mehrheit hat auf Brüche und Widersprüche im eigenen Lager kommt's so genau nicht an. Angst und Schrecken verbreitet in SPD und Gewerkschaften offenbar nun die Aussicht, womöglich bald selbst an der Macht oder zumindest in ihrer Nähe zu sein. Da interessiert vor allem eins: ob Genossen und Kollegen noch die richtige Gesinnung haben?

Denkt Walter Riester über Reformen bei der Rente nach, kramen die Sozialdemokraten erst einmal argwöhnisch in alten Parteibeschlüssen. Sagt Jost Stollmann, was alle wissen, daß nämlich auch am Runden Tisch eines Kanzlers Schröder keine neuen Jobs beschlossen werden können, fühlen sich führende Gewerkschafter angefaßt. Nun hat es DGB-Chef Dieter Schulte erwischt. Wenn die Gewerkschaften den Wandel der Erwerbsarbeit nicht ignorieren und obendrein die Menschen nicht verschrecken wollen, dann, sagt er, dürften sie "nicht nur negativ" über neue Arbeitsformen wie geringfügige Beschäftigung reden. Zurückgepfiffen wird er von seiner eigenen Stellvertreterin: Die Gewerkschaften sind schon immer gegen 620-Mark-Jobs, und damit basta.

Die rasant steigende Zahl sozialversicherungsfreier Minijobs ist natürlich ein Problem, zum Teil für die Betroffenen, vor allem aber für die Sozialversicherungen, deren Basis allmählich zerbröselt. Nur leider, und da hat Schulte recht, ist dieses Problem ohne Schaden an anderer Stelle mit einfachen Mitteln nicht zu lösen. Andernfalls würden viele der Jobs ersatzlos gestrichen, manch Betroffener würde für einen Schutz zahlen, den er nicht braucht, den Sozialkassen würden für minimale Beiträge neue Leistungsempfänger aufgehalst. Nichts anderes hat Schulte gesagt, und bestenfalls das kann man ihm vorhalten: daß er auf die alten Fragen keine neuen Antworten weiß.

Es kann noch heiter werden, wenn die SPD die Wahl gewinnt, vermutlich ist sie sich selbst die beste Opposition. Mit einem Gedanken sollten sich die Partei und die ihr nahestehenden Gewerkschaften deshalb schon mal vorab vertraut machen: daß man für die Widrigkeiten der Wirklichkeit nicht mehr so einfach die Bundesregierung verantwortlich machen kann, wenn man diese selber stellt.