Juristen und Mathematikern geht es wie Männern und Frauen bei Loriot - sie passen einfach nicht zusammen. Nun wäre das gestörte Verhältnis zwischen Rechts- und Rechenexperten noch Anlaß zum Schmunzeln, hätte es nicht ernste Folgen: Weil die Justiz gegen mathematische Gesetze verstößt, werden Bankkunden über Gebühr zur Kasse gebeten.

Robert Seckelmann kann davon ein traurig Lied singen. Der inzwischen emeritierte Professor für Mathematik an der Gesamthochschule Wuppertal hatte von seiner Bank einen größeren Geldbetrag aus einem vorzeitig getilgten Hypothekendarlehen zurückgefordert. Da das Kreditinstitut mauerte, sah man sich vor Gericht wieder. Und dort erlebte Seckelmann eine Überraschung, die sein Weltbild in ziemliche Unordnung brachte: Der Bundesgerichtshof (BGH) als letzte Instanz schmetterte die Klage ab und machte damit einen Strich durch die Rechnung des Wissenschaftlers, der darauf zählte, daß sich die Regeln seiner Zunft und damit die Vernunft schon durchsetzen würden.

Die Begründung des Urteils (XI ZR 158/97 vom 27. Januar 1998) sollten sich alle Mathematiker hinter den Spiegel klemmen - zur täglichen Erinnerung daran, wie scheinbar töricht ihr Treiben ist. Denn die hohen Richter stellten schlicht fest, daß die Finanzmathematik "eher außerhalb des herkömmlichen Denkens" liegt.

Da mag der BGH recht haben. Welche herkömmlichen Denker in und außerhalb von Karlsruhe sind schon mit allen Feinheiten der Zinskalkulation vertraut? Genau darum ging es in diesem Fall. Für Seckelmann ist "Zins immer auch Zinseszins". Dies läßt sich an einem einfachen Beispiel verdeutlichen: Wer 100 Mark zu einem Monatszins von einem Prozent anlegt, verfügt nach einem Jahr über ein Kapital von 112,6825 Mark. Der Jahreszins beträgt also fast 12,7 statt 12 Prozent, die sich bei einfacher Multiplikation des Basiszinses mit der Zahl der Monate errechnen. Die überproportionale Vermehrung ist kein Wunder: Der Zinsgewinn erhöht stetig das Kapital, das dann wiederum zusätzliche Zinsen abwirft. Mit anderen Worten: Der Zins sorgt für ein exponentielles Wachstum von Kapital. Das erklärt unter anderem, warum reiche Leute immer reicher werden.

Der Zinseszins-Effekt gehört keineswegs zur höheren Mathematik, sondern zu deren Grundlagen, die schon auf der Schule vermittelt werden. Das hindert das höchste deutsche Zivilgericht allerdings nicht daran, einer anderen, falschen Betrachtungsweise den Vorzug zu geben - der linearen. Diese rechnet den Zins einfach per Dreisatz hoch und runter: Danach sind 12 Prozent im Jahr gleich ein Prozent im Monat oder 24 Prozent in zwei Jahren.

Der Unterschied zwischen beiden Methoden erscheint auf den ersten Blick gering, wächst aber bei höheren Zinssätzen und längeren Zeiträumen in beachtliche Dimensionen. Es kann also um viel Geld gehen. Deshalb gibt es immer wieder Streit zwischen Gläubigern und Schuldnern, vor allem bei der vorzeitigen Tilgung von Hypothekendarlehen. Denn die Kreditinstitute wollen ihren Kunden möglichst wenig zurückzahlen und rechnen deshalb in solchen Fällen gerne mit linearen Zinsen.

Dank des BGH dürfen die Banker ihre Kunden weiter über den Tisch ziehen.