Wenn es im Leben des Lothar Dieterich einen schwarzen Tag gibt, dann war es nicht der 14. Januar 1998, wie er vielleicht selber glaubt, sondern der 9.

September 1988. An diesem Tag nahm das große Unheil seinen Lauf und war fortan nicht mehr zu stoppen. Dieterich war damals zwar noch nicht der Direktor der Industrieruine Mülheim-Kärlich

aber er saß als oberster Planer des Projekts in der Essener Zentrale des Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerks. Der Fachmann für Wärmekraft- und Arbeitsmaschinen, damals fünfzig, stand im Zenit seiner Karriere und führte die Regie bei sämtlichen Atomvorhaben des Stromkonzerns: bei Biblis, bei Gundremmingen und eben auch bei Mülheim-Kärlich. "Wir fühlten uns großartig, als eine Art Avantgarde in dieser Technik", erinnert sich Dieterich.

An jenem 9. September vor zehn Jahren aber machten ihm Deutschlands höchste Verwaltungsrichter eines seiner Vorhaben kaputt: Mülheim-Kärlich war nicht ordentlich genehmigt worden und deshalb "unverzüglich ordnungsgemäß abzufahren", wie es später in Dieterichs Chronologie der verhängnisvollen Ereignisse heißen sollte. Die Hintergründe für die Gerichtsentscheidung sind kurios und werden noch manche Debatte über das deutsche Verwaltungsrecht wie über den Vollzug des Atomgesetzes bestimmen. Wichtig ist zunächst nur die Konsequenz: Bei Rhein-Kilometer 605, zwischen Koblenz und Andernach, waren plötzlich sieben Milliarden Mark in den Sand gesetzt. Für Lothar Dieterich begann damals ein Lebensabschnitt, der ihm ungeahnte Höhen und Tiefen bescheren sollte - und am Ende eine große Niederlage.

Das aber konnte Dieterich noch nicht ahnen, als er vier Jahre nach dem unglückseligen Tag mit einem klaren Auftrag an den Rhein geschickt wurde: Er sollte den Reaktor, der eine Million Menschen mit Strom versorgen könnte, aber nur zehn Monate in Betrieb war, wieder ans Netz bringen. Dieterich selbst definiert heute seine damalige Mission als "Verteidigung dieser Anlage". Und 1992 war er noch voller Hoffnung, hielt er doch seine nukleare Stromfabrik für "eine Perle".

In der Ruine gibt es viel zu tun

Seitdem also sitzt Dieterich in seinem Direktorenzimmer mit der obligatorischen Ledergarnitur und dem üppigen Blumenschmuck - und verwaltet, um nicht zu sagen: verteidigt, eine stillgelegte Fabrik. Hochgefühle wollten sich dabei nie einstellen