Alles an ihm war rund, die kurzen Beine, der kugelförmige Körper, der halslos angesetzte Kopf, die Bullaugenbrille. Glatzköpfig war Hanns Eisler schon als Dreizehnjähriger, und die Statur eines Schneemannes, die er bis zu seinem Tod behielt, hatte er auch schon. Aber seine Musik, die rollt nicht eben sehr rund vorüber, die geht meist zackig geradeaus. Und auch sein Lebensweg hatte grimmige Ecken und Kanten. Er begann in Leipzig, vor hundert Jahren, am 6. Juli.

Im Gegensatz zu seinen Komponistenkollegen, die gewöhnlich in größtmöglicher Weltabgeschiedenheit zum Bleistift greifen, hat Hanns Eisler seine ästhetischen Forderungen praktisch gelebt und sich oft weit aus dem Fenster gelehnt. Seine Auffassung vom Musiker als Politiker und seine Parteinahme für die Benachteiligten, die Arbeiter, drängten ihn dazu, viel "operative Musik" zu schreiben, Musik, die sich im politischen Kampf bewähren mußte, die Massen aufrütteln, die Zagenden stärken, den Gegner einschüchtern oder besser noch: überreden sollte. Aus diesem Impetus schrieb Eisler die proletarischen Hymnen, das Solidaritätslied ("Vorwärts, und nicht vergessen", 1932) oder das Einheitsfrontlied ("Und weil der Mensch ein Mensch ist", 1934). Musik für den Streik, gegen den Kapitalismus, für den Klassenkampf, gegen den Faschismus und was sonst zu den Belangen eines Marxisten zwischen 1925 und dem Zweiten Weltkrieg gehörte.

"Kampfmusik" schreiben. Ästhetisch betrachtet war es der Versuch, das Unmögliche wahrzumachen: Gesänge für die Tausend zu komponieren und dennoch den handwerklichen Qualitätsvorgaben der Klassiker zu genügen. In der Praxis waren im Extremfall einstimmige Lieder gefordert, die von jedem Laien ohne größeres Proben und ohne jedes stützende Instrument auf der Straße gesungen werden können. Solche musikalischen Voraussetzungen entsprechen einem Musizieren auf Kindergartenniveau (abzüglich der Blockflöten). Tatsächlich aber muß das Einfache, und gerade das Einfachste, am ausgefeiltesten sein.

Drei gute Anzüge, und Sie werden sich den Sozialismus abgewöhnen

Höchste Präzision im Detail, Verachtung von falschem Ornament, von Prunk, von lullendem Schein - das hatte Eisler bei Arnold Schönberg gelernt, bei dem er ab 1919 in Wien studierte. Es war ein Treffen der Antagonisten: Der musikalisch konzessionslose Konservative unterrichtete den politisch revolutionären Gebrauchsmusiker. Es war eine fast idealtypische Vater-Sohn-Beziehung. Schönberg nährte und beherbergte Eisler und lehrte ihn mit Strenge, was zum Bestehen als Komponist unabdingbar ist. Die sozialistischen Ideen aber lehnte er ab: "Wenn Sie zum ersten Mal in Ihrem Leben zwei anständige Mahlzeiten am Tag haben werden und drei gute Anzüge und etwas Taschengeld, dann werden Sie auch den Sozialismus sich abgewöhnen." Zu essen hatte Eisler immer genug, seine Figur bewies es, und Anzüge auch. Nur von seinen Ideen hat er nie gelassen. Und so war das Zerwürfnis unvermeidlich und angemessen heftig. Für die Lehre bei Schönberg, die er, wie es sich gehörte, mit einer Klaviersonate als Op. 1 beendete, blieb er lebenslang dankbar.

"Dieses Lied singt man am besten so: Zigarette im Mundwinkel, Hände in den Hosentaschen, lässige, etwas gebeugte Haltung, leicht grölend, damit es nicht zu schön klingt und niemand erschüttert wird" - so lautet Eislers Gebrauchsanweisung zur "Kurzen Anfrage - Lied der Arbeitslosen".

In seiner strikt antibürgerlichen Haltung ist er sich mit Bertolt Brecht einig. Ihre Zusammenarbeit, die um 1930 einsetzt, wird zum anhaltenden Glücksfall, denn wie Zwillingsbrüder spielen sie Hand in Hand und schaffen Schauspiele, Lehrstücke, Kampflieder und Agitproplieder für politische Kabaretts. Wie Brecht ist Eisler ein begnadeter Entlehner und macht skrupellosen Gebrauch vom "bürgerlichen Erbe", setzt bewährte Mittel ein, die durch Collagetechnik - oder andere, dem epischen Theater verwandte Verfahren - mit neuen, meist konträren Aussagen versehen werden. Statt mit subjektiven Empfindungen zu rühren, geht es um die Darstellung von objektiven Befindlichkeiten. Benutzt wird, was gefällt. Und mit Lust "parodiert" Eisler die guten alten Formen und Stimmungslagen der bürgerlichen Musik, diese verhöhnend und zugleich doch sehr gut um ihre Wirkungen wissend.