Private und öffentliche Person treten auseinander

Die Ausweisung des "Karl Marx auf dem Gebiet der Musik" aus Amerika bestimmt sein weiteres Schicksal als Staatskomponist der DDR. Rastlose Tätigkeit steht neben zunehmender Ernüchterung, denn, daß er wieder in einem Kleinbürgermilieu gelandet ist, läßt ihn trotz seiner geliebten Zusammenarbeit mit Brecht und trotz des Ruhms, der ihm als Komponist der Nationalhymne zufließt, verbittern. Schon seit der Hollywoodzeit (im gleichnamigen Liederbuch) entstehen vermehrt Kompositionen subjektiven Ausdrucksgehalts, und die private und die öffentliche Person Eisler treten zunehmend auseinander. Die eine schreibt simplizistische Agitationsmusik zu Majakowskij-Texten, die andere "Ernste Gesänge" über Hölderlin-Gedichte. Sie wurden zu seiner letzten abgeschlossenen Komposition. Am 6. September 1962 starb Eisler in Berlin (Ost).

Aber er lebt weiter. Im Jazz etwa, in der Improvisation. Heiner Goebbels und Alfred Hearth, zwei Musiker und "Vier Fäuste für Hanns Eisler". Diese Musik hat Lebenskraft, die sich geradezu aus dem Imperfekt der Spontaneität nährt.

Sie ist ganz und gar Impuls, Aufforderung, Verheißung ...

Eisler lebt weiter in Wolf Biermann. Evidenzbeweis: Man höre die selbstbewußt hingenuschelten Lieder von, sagen wir, "Es gibt ein Leben vor dem Tod" und die genial-dilettantische Selbstauslegung Eislers eigener Gesänge. Beide haben unausgebildete Stimmen, zuviel geraucht, zuviel getrunken, zuwenig Sport getrieben. Gute Texte (im Sinne von griffigen Sentenzen, gültigen Worten), leicht nachahmbare Melodien (die, selbst wenn die Hälfte der Töne danebengeht, immer noch erkennbar bleiben) und insgesamt eine für Gleichgesinnte hohe Identifikation.

Der Tonfall von Hanns Eisler, seine Stimme, die von den rhetorischen Gewittern der Versammlung gegerbt wurde, die sich vom Ausgeben der Parolen harte Akzente zugezogen hat und die trotz hurtigster Arbeit den Fluß seiner druckreif sprudelnden Statements nicht einholen konnte - in diese Stimme hat sich das Jahrhundert eingegraben.

Dokumente zu Hanns Eisler