Am 30. Juli 1998 jährt sich der Todestag Otto von Bismarcks zum 100. Mal.

Kein Wunder, daß Publikationen über den Gründer des deutschen Nationalstaates Konjunktur haben. Nicht wenige dieser Jubiläumsprodukte werden vergleichsweise rasch in Vergessenheit geraten. Mit Gewißheit trifft das für die Bismarck-Biographie des amerikanischen Historikers Otto Pflanze nicht zu.

Das dreibändige Werk, dessen Original vor Jahren in amerikanischer Sprache erschienen ist, liegt nunmehr, auf zwei Bände verteilt, in deutscher Übersetzung vor.

"Der Reichskanzler" ist der soeben publizierte zweite Band betitelt. Er behandelt den Zeitraum zwischen dem Jahr 1875, als Europa die "Krieg in Sicht"-Krise glücklich überstanden hatte, und dem Jahr 1898, als der Mann starb, der den Frieden der Welt über zwei Jahrzehnte bewahrt hatte. Der unverkennbare Vorzug dieser gewichtigen Darstellung liegt in der gelehrten Ausführlichkeit, mit der Otto Pflanze die Geschichte der "Ära Bismarck" in deutscher und europäischer Perspektive, in innen- und außenpolitischer Hinsicht, unter wirtschafts-, sozial- und geistesgeschichtlichen Gesichtspunkten entfaltet. Indes, bei aller Bewunderung für dieses gediegene Produkt von unbestreitbarer Gelehrsamkeit, wünschte man sich zuweilen doch etwas mehr von jener gedanklichen Intensität, mit der Lothar Gall in seiner nach wie vor führenden Bismarck-Biographie den Dingen auf den Grund geht.

Der stattliche Band setzt zu dem Zeitpunkt der historischen Entwicklung ein, als Bismarck unter dem Zwang der Verhältnisse während der zweiten Hälfte der siebziger Jahre daranging, "sowohl innenpolitisch als auch außenpolitisch die Richtung" zu verändern: "Von der freihändlerischen Politik wechselte er zur protektionistischen und suchte Agrarier und Industrielle zu einem neuen sozialen und politischen Einvernehmen zu bewegen. Und schließlich revidierte er die auswärtigen Beziehungen Deutschlands durch den Abschluß des Zweibunds mit Österreich."

Dieser außenpolitische Schachzug gelang und diente als Grundlage für jenes "System Bismarck", das den europäischen Frieden verläßlich vor den unerwünschten Folgen der immer wieder aufbrechenden Konflikte der Staatenwelt rettete. Dagegen mißlang die innenpolitische Konsolidierung des politisch und sozial tief zerfurchten Staates. Bei seinen nimmermüden Versuchen "griff Bismarck in rastlosem Wechsel zu einem Notbehelf nach dem anderen, unfähig, eine zufriedenstellende und dauerhafte Struktur zu finden". Im Grunde ging es bei allen innenpolitischen Reformen, Repressionen und Rochaden nur darum, ihm selber, der zu keiner Stunde seiner atemverschlagenden Karriere vom pommerschen Landjunker zum europäischen Staatsmann auch nur von einem Zipfel der Macht zu lassen bereit war, "ein Instrument zur Befriedigung seines eigenen Machtwillens" zu verschaffen. Denn das erschien ihm, vulgärer Antrieb und nüchternes Resultat in einem, als die unabdingbare Voraussetzung dafür, das stets als gefährdet angesehene Reich und den zerbrechlichen Frieden Europas zu festigen.

In dieser Perspektive stellt der Autor fest, daß Bismarcks Talent für Deutschland, ja für Europa in den auswärtigen Angelegenheiten unentbehrlich gewesen ist. Zur gleichen Zeit aber verbreiteten sich Zweifel an seiner Fähigkeit, die inneren Angelegenheiten des Reiches wirkungsvoll zu ordnen.