Fußballtag in Saint-Denis, der Kleinstadt bei Paris. Die Fantrupps sind früh da. Mit Fahnen ziehen sie in Richtung Stadion, vorbei an den Ticket-Schwarzhändlern und den Getränkebuden. Vorbei auch an Hunderten von Polizisten: "Visibilité", "Sichtbarkeit", heißt die Devise nach Marseille und Lens.

Dreimal noch wird in Saint-Denis gespielt, auch das Finale wird hier angepfiffen. Bisher ist es immer ruhig gewesen, erstaunlich ruhig.

Saint-Denis ist üblicherweise nämlich kein ruhiges Pflaster. Die Geschäftsleute fürchten sich ein bißchen vor englischen Hooligans. "Wenn die Engländer im Endspiel sind, machen wir zu", erklärt ein arabischer Cafébesitzer kategorisch. Und die Deutschen? Er zuckt die Schultern. Die Deutschen sind ihm egal.

"In Saint-Denis wird es auch bei den nächsten Spielen ruhig bleiben", prognostiziert der Polizist hinter dem Schalter im Kommissariat. Und wenn die Deutschen kommen? Er versteht zunächst gar nicht, was die Frage soll. "Aber Madame, was in Lens passiert ist, das hat doch mit Deutschland nichts zu tun." Das ist kein Ausweis politischer Korrektheit, denn im nächsten Atemzug wettert er hemmungslos gegen Araber und gegen Schwarze. Der Mann ist jung, und bei Gewalt denkt er zuerst an das, was er selber kennt.

Der Polizist aus der Sondertruppe Stadionschutz erinnert sich nicht gleich, wie sein Kollege heißt, den die deutschen Hooligans so übel zugerichtet haben. "Das war ein Gendarm, das ist eine andere Truppe, mit denen haben wir nichts zu tun." Die guten Deutschen haben allen Ernstes darüber nachgedacht, deshalb ihr Team zurückzuziehen? Das hat er nicht gewußt und seine Kollegen auch nicht. Aber warum denn bloß? Der Polizeigewerkschafter, der Kommissar, die Inspektoren und ihr Fußvolk können es kaum fassen, daß die Deutschen sich so mit ihren Hooligans identifizieren.

Die Trennlinien zwischen Gut und Böse haben für die französische Polizei nichts mit nationalen Denkmustern zu tun. Sie müssen sich offenbar gar nicht erst bemühen, einen antideutschen Reflex zu unterdrücken - denn er ist nicht vorhanden und wird auch nach Lens nicht zum Vorschein kommen. "Die da zugeschlagen haben", sagt ein Polizist vom Stadionschutz, "das waren Barbaren. Barbaren, mit denen habe ich nichts gemein." Dann fügt er noch hinzu: "Mit Politik hat das nichts zu tun. Neonazi? Daß ich nicht lache. Das ist Brutalität, Gewalt pur."

Zu dritt, zu zweit, allein und in Zivil schieben die Polizisten Wache. 1400 werden es beim Endspiel sein. Gendarmerie, Staatspolizei, Verfassungsschutz, dunkelblau uniformierte Sondereinheiten und eine neue, eigens für die WM geschaffene Einsatzgruppe von sechzig Mann im Trainingsanzug. Sie haben Figuren wie Bodybuilder, dazu Goldkettchen und Armbänder wie Bahnhofsganoven.