Schillers Satz "Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt" ging vor der Erfindung des modernen Fußballs in unseren humanistischen Zitatenschatz ein. Aber gegen seine Absicht plaudert Schiller eine Wahrheit aus, die in der vergangenen Woche Schlagzeilen machte. Der Mensch ist auch dort ganz Mensch, wo er ohne ersichtlichen Grund mit tödlichen Risiken spielt.

Die Hooligans sind Spieler, die es nach dem Thrill des kleinen Straßenkrieges verlangt. Da sind sie Spieler wie die Profis, deren Sensationswert sie für sich nutzen. Sie spielen mit einem hohen Risiko, um ihren Kick zu bekommen.

Leider schwebt dieses Risiko auch über denen, die ihnen das Spiel verderben sollen. Der schwerverletzte Polizeibeamte von Lens ist aber nicht nur das Opfer eines mörderischen Schlägers, sondern auch eines brutalen Freizeitvergnügens: Hooliganismus ist ein kriegerischer Rest in der Erlebnisgesellschaft.

Als ob ihnen die Monotonie des Friedens unerträglich würde, lechzen viele junge Männer nach blutiger Zerstreuung. Ihnen genügen der Kampf und der Sanitäterfleiß auf dem grünen Rasen nicht. Sie müssen den gespielten lauen Krieg der Profis in selbstinszenierten Ernstfällen überbieten. Nicht weil es einen besonderen Kriegsgrund gäbe, sondern weil die weekend fights, wie ihre Helden gerne sagen, geil sind. Der Friede ist das Problem für viele junge Männer. Sie können nicht ohne Feinde leben. Nur der Fußball liefert alle Momente des Ersatzkrieges und der martialischen Stimmungen, nach denen sie lechzen: Aufmärsche, Embleme, Gebrüll, Haß und Angst.

Die Geschichte der Spiele der Menschen ist eine Geschichte der Zähmungen und erneuter Brutalisierungen. Platon verlangte in den Gesetzen, daß Männer, die bei Wettkämpfen ihren Gegner versehentlich töteten, von aller Strafe verschont bleiben. Erst die christlichen Kaiser verboten die blutigen Gladiatorenkämpfe. Heute sind Boxen, Stierkampf, Autorennen, Extremsportarten moderne Varianten jenes Wettkampfrisikos, das zu den Spielen gehört, in denen der Mensch ganz Mensch ist.

Risikosport zählt seit alters zur militärischen Ausbildung. Der Herzog von Wellington soll gesagt haben, der Sieg von Waterloo sei 1815 auf den Sportplätzen der englischen Internate erfochten worden. 1905 setzte Präsident Roosevelt eine Änderung der Football-Regeln durch, weil es immer wieder Tote und Verletzte bei diesem rauhen Spiel gab.

Nach einer liebenswürdigen Definition des Kulturhistorikers Johan Huizinga ist das Spiel eine Handlung, die "nicht so gemeint" ist. Doch die Hooligans räumen mit diesen Fiktionen des Kampfsports auf. Sie wollen, daß alles so gemeint ist, daß der Gegner gedemütigt und mit Blessuren bedeckt das Feld räumt. Man kann sagen, nur die Zeichen, unter denen die Hooligans auftreten, sind nicht so gemeint.