Jordi Roma stellt seine Staffelei am Rande von Olot auf. Die Stelle ist sorgfältig ausgewählt. Generationen von Malern vor ihm schon haben genau von dieser Position aus die letzten von Buchen bestandenen Sümpfe im Tal gemalt.

Seit einigen Wochen kehrt Roma immer wieder hierher zurück. Er ist mit seinem Bild nicht ganz zufrieden. Es fehlt noch die spezielle Wirkung des Lichts.

Die Szenerie kennt er längst auswendig. Er könnte sie genausogut aus der Erinnerung in seinem Atelier malen. Schließlich ist es seine achte Variation des gleichen Sujets. Aber es kommt ihm darauf an, verschiedene Stimmungen des immergleichen Motivs festzuhalten. Das entspricht den Regeln der Oloter Schule, so wünschen es sich die Käufer der Bilder.

Auch Romas Malstil entspricht diesen Regeln. Farbgebung, Pinselstrich, alles folgt den Traditionen. Realistisch in der Ausarbeitung der Details, romantisierend in der Darstellung könnte man es nennen, wenn man gutwillig ist, Salonmalerei, wenn man es genau nimmt. Jordi Roma hält sich exakt an die Realität der Landschaft von La Garrotxa. Die Strommasten entlang der Straße und das Restaurant unter den Buchen ignoriert er in seinem Gemälde jedoch ebenso wie die parkenden Autos der Ausflügler. "Beides gab es im 19.

Jahrhundert hier noch nicht", erklärt er seine spezielle Sicht der Dinge.

"Wir malen die Welt so, wie sie einmal war, nicht so, wie sie heute ist."

Erfolgreiche Unternehmer bauten sich kunstvolle Villen Dabei ist Roma kein Greis, der den Wandel der Zeit verschlafen hat. Mit seinen 36 Jahren weiß er sehr wohl, daß seine Bilderwelt einen Anachronismus darstellt. Aber gegen den Vorwurf, verlogene Süßlichkeit auf die Leinwand zu bannen, wehrt er sich entschieden: Das Bedürfnis nach einer heilen Welt, nach schönem Schein sei gerade heute besonders stark.

Die Stadt Olot mit ihren etwa 26 600 Einwohnern liegt im Hinterland der Costa Brava, rund 50 Kilometer von der Küste entfernt. Eine Naturkatastrophe katapultierte das unbedeutende mittelalterliche Städtchen ins vorindustrielle Zeitalter. Ein Erdbeben zum Jahreswechsel 1427/28 zerstörte Olot nahezu vollständig. Doch anders als üblich, baute man nicht an der gleichen Stelle wieder auf, sondern außerhalb der zertrümmerten Stadtmauern. Das schaffte unbegrenzten Raum für wirtschaftliche Expansion.

Die besonders kalkarmen Wasser des Riu Fluviá und des Riudaura, zwischen denen sich das neue Olot entwickelte, begünstigten die Ansiedlung von Papierfabriken und Färbereien. Die typisch katalanische Farbkombination Rot-Blau entstand in Olot. Man war zum Vorreiter der iberischen Industrialisierung geworden. Um das Jahr 1800 galt Olot als Ort, der wohlhabender war als Barcelona, das sich, eingezwängt in seine Mauer, nicht auszudehnen vermochte.

Diese einzigartige Stellung verlor Olot in den folgenden Jahrzehnten zunehmend. Nicht zuletzt deshalb, weil die Straßenverbindungen zur Küste und damit zu den Exporthäfen miserabel waren. Trotzdem blieb es ein guter Standort für die Textilindustrie. Wasser- und dampfgetriebene Maschinen wurden gegen elektrische ausgetauscht. Die erfolgreichen Unternehmer bauten sich entlang baumbestandener Alleen kunstvolle Villen und für ihre Arbeiter Siedlungen mit bescheidenem, aber für Spanien ganz ungewöhnlichem Komfort.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts kam die Landschaft La Garrotxa in Mode.

Ihre für Spanien seltene Mischung aus schroffen Felsen und weichen Hügeln, vor allem aber das schier endlose Grün der Wälder inspirierte die Maler.

Deren Sujets dienten den Fabrikantenfamilien in Olot, aber auch in Barcelona und Girona zur Ausschmückung ihrer Häuser. Mit den Bildern suchten sie jene natürliche Schönheit zu bewahren, die sie selbst gerade mit ihren Fabriken zu zerstören begannen. Die meisten Gemälde der Oloter Schule zeigen denn auch eine idealisierte Parklandschaft: Hirten durchstreifen die Wiesen, Maiden pflücken Blumen am Waldesrand, Bauerngehöfte bilden kompositorische Gegengewichte.

Olot liegt inmitten eines einzigartigen vulkanischen Gebietes.

Sechsundvierzig der ungezählten Hügel sind Vulkane. Während der bisher letzten Eruption vor circa 11 500 Jahren entstand der Kegel El Croscat.

Experten betrachten die Vulkane nur als ruhend, keineswegs aber als erloschen. Die Lage der Garrotxa als erste Erhebung nach der Küstenebene führt zu reichlichen Niederschlägen. Die Folge ist eine vielfältige Pflanzenwelt mit über 1500 Arten.

Die Römer rodeten erstmals einen Teil des Talbodens und legten an den Hügeln Terrassenfelder an, die zum Teil noch immer genutzt werden. Dennoch überziehen Eichen- und Buchenwälder die Hänge so dicht, daß die Vulkane kaum auszumachen sind. Daß von den Wäldern der Garrotxa noch so viel vorhanden ist, verdankt man einer technischen Erfindung. Mit der Verbreitung von Gas in Flaschen konnte der neue Brennstoff über weite Entfernungen in das kleinste Dorf transportiert werden. Gas erwies sich als praktischer und effizienter als die bis dahin gebräuchliche Holzkohle. Damit brach jedoch die Nebenerwerbsquelle vieler Waldbauern zusammen. Als Köhler arbeitslos geworden, gaben sie ihre Höfe auf und wanderten als Arbeiter in die Städte ab.

Seit 1985 besteht das Naturschutzgebiet Zona Volcánica. "Ein Modellversuch für ganz Europa", meint der Direktor der Casal dels Volcans in Olot, Jaume Bicens. "Denn im Gegensatz zu allen anderen Naturschutzgebieten ist unseres mit etwa 35 000 Bewohnern relativ dicht besiedelt, verfügt über mehrere größere Ortschaften, weist Industrieansiedlungen auf und wird touristisch intensiv genutzt. Wir wollen feststellen, wie sich beides miteinander verträgt und ob sich die Ergebnisse auf andere Regionen anwenden lassen."

Eine heile Welt für die Stuben des Großbürgertums Tatsächlich fallen in den Sommermonaten Hunderttausende vor allem spanischer Touristen in den Naturpark ein. Er gilt als eines der schönsten Wandergebiete, das sich besonders gut auch zu Pferde durchstreifen läßt.

Bergsteiger versuchen sich an den Steilhängen, Kanufahrer erkunden die Landschaft auf den kleinen Flüssen. Beliebt ist der Tourisme Rural, bei dem der Gast in historischen Bauernhäusern wohnt. Beispielsweise in der "Mas Salvanera" von Beuda, die wie eine kleine Burg über dem Dorf liegt, oder in der "Rectoria de la Miana" von Sant Ferriol, einer romanischen Einsiedelei aus dem 12. Jahrhundert. Zudem bieten sich Orte wie Santa Pau und Basalú mit ihren intakten mittelalterlichen Innenstädten als interessante Ausflugsziele an.

Die erste Vereinigung der Maler von Olot schuf Joaquim Vayreda mit der l'Escola de Barbizon, die Maler Josep Berga und Boix gründeten 1868 das Centre Artøstic. Aus ihm gingen bedeutende katalanische Maler wie Modest Urgell, Josep Armet, Manuel Urgellès und Joan Lilmera hervor. Im Jahr 1934 entstand unter d'Iu Pascual und dem Patronat der Regierung von Katalonien die l'Escola Superior de Paisatge a Olot.

Jeder ihrer Maler war zu seiner Zeit durchaus modern. Die Maltechnik läßt bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zuweilen an einen frühen Impressionismus denken. Was diese Maler schufen, war alles andere als Kitsch.

Aber als Zulieferer für die guten Stuben des Großbürgertums, das nach den immergleichen Bildern verlangte, erstarrte ihr Stil in einem Manierismus, der keine Abweichung vertrug. Als sich einige Maler um die Jahrhundertwende dem Modernismo, der spanischen Spielart des Jugendstils, zuwandten, wetterten die Priester von Olot von den Kanzeln gegen diese Abkehr vom "gottgewollten" Naturalismus.

Nachdem sich der Anbau von Buchweizen für die Bauern im Laufe dieses Jahrhunderts nicht mehr lohnte, waren es die Maler, die ihnen die Aussaat finanzierten, da die gefärbten Wälder der Garrotxa im Herbst ohne die weiß blühenden Buchweizenfelder für Künstler und Sammler eben nicht denkbar waren.

Heute wird der Buchweizen wieder in der regionalen Küche verwendet.

Fünfzehn Kunstgalerien in Olot können gut von der Produktion der etwa zwanzig Maler leben, die derzeit hier arbeiten. Unter ihnen sind einige, die sich auf nur ein einziges Landschaftsmotiv konzentriert haben und das in wechselnden Jahreszeiten bei verändertem Licht, aber stets vom gleichen überlieferten Standpunkt aus malen. Ihre Käuferschicht hat sich, genauso wie ihre Motive, seit zwei Jahrhunderten nicht weiterentwickelt. In das Haus wohlhabender Katalanen gehört weiterhin ein Bild der Oloter Schule. Daran hat sich nichts geändert, auch wenn die Unternehmer von heute anstelle von Papier High-Tech-Maschinen und Software im neuen Industriegebiet am Fuße des Montsacopa-Vulkans produzieren.

Auskunft: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Myliusstraße 14, 60323 Frankfurt am Main, Tel. 069/72 50 33, Fax 72 53 13 Patronat de Turisme Costa Brava Girona, Emili Grahit, 13-15, S-17002 Girona, Tel. 0034-9/72 20 84 01, Fax 72 22 15 70.