Marrakesch im September, vier Uhr nachmittags. Wir stehen vor dem "Café de France". Die Sonnenglut hat nachgelassen, doch der Schweiß fließt immer noch in Strömen. "Ich erwarte Sie vor dem Café", hatte Juan Goytisolo am Telephon gesagt, "mit der Zeitung El Paøs unter dem Arm." Nebenan beginnt der Djemaa el Fna zu atmen. Die ersten Gaukler, Musikanten und Geschichten-erzähler sind eingetroffen und bereiten die Bühne für ihren Auftritt. Umständlich wird der riesige Sonnenschirm gespannt, ein Fetzen Tuch oder ein kleiner Teppich auf dem schmutzigen Stück Asphalt ausgelegt.

Ich halte eine Ausgabe von El Itihad El Ichtiraki in der Hand, dem Blatt der oppositionellen Sozialistischen Union in Marokko. Goytisolos Essay, mit einem aktuellen Photo des Dichters, nimmt die ganze Titelseite in Anspruch: ein flammender Appell für den Erhalt des Djemaa el Fna und seiner Erzählerkultur.

Denn die Berbersprache, die seit siebentausend Jahren nur mündlich überliefert wird, ist ebenso vom Aussterben bedroht wie die Tradition der Geschichtenerzähler auf dem ruhmreichen Platz der Gaukler inmitten der Mauern der Medina.

Das Stück über die "unglaublichen Geschichtenerzähler von Marrakesch" ist inzwischen in vielen europäischen Blättern erschienen. Der spanische Schriftsteller Goytisolo läßt seit langem nichts unversucht, damit der berühmteste Platz des Orients von der Unesco unter Denkmalschutz gestellt wird. "Nur eine Stadt verfügt heute noch über das Privileg, das ausgestorbene und von vielen als Dritte-Welt-Phänomen abqualifizierte mündliche Erbe der Menschheit zu hüten."

Allmählich geht der Tag zur Neige. Das zartklare Licht schärft die Falten in den Gesichtern und Gewändern und läßt das bunte Farbgemisch der Dschellabas, Turbane und Pluderhosen in kühnen Kontrasten leuchten. La place, wie der Platz von der Größe zweier Fußballfelder von den Marrakeschi genannt wird, füllt sich immer mehr, auf den Dachterrassen der umliegenden Cafés sammeln sich die Ausflugstouristen aus Agadir.

Aus dem Halbdunkel einer giftgrünen Markise tritt ein kleiner Mann mit kurzgeschorenem, ergrautem Haar und einer imposanten Nase, die spanische Zeitung unterm Arm. Tiefe Schatten liegen unter den wachen Augen. Zwei scharfe Falten sind zwischen die Brauen gebrannt. In hart-holprigem Englisch lädt uns der 67jährige zu sich nach Hause ein. Der Händedruck ist kurz und fest.

Wir lassen uns führen und verschwinden im Labyrinth der Medina, vorbei an dem kleinen Kino Eden. Schmale, finstere Gassen. Nackte, fensterlose, feindliche Mauern mit schießschartenartigen Löchern. In einem Haus in der Derb Sidi Bouf ahil mit der Nummer 34 treten wir durch ein schweres, eisenbeschlagenes Holztor. Hinter dem dunklen Flur öffnet sich die Pracht eines Patios mit einem Gärtchen und bunten Mosaiken unter freiem Himmel. An dem runden Korbtisch nehmen wir Platz. Abdeladid, der freundlich lächelnde arabische Hausgeist, bringt eine Flasche kaltes Mineralwasser und serviert wenig später frisch gebrühten Minztee in braunen Tonbechern.