Unser Gastgeber spricht langsam, wählt sorgsam die Worte. Goytisolo ist kein emphatischer Typ, er wirkt beinahe schüchtern. Im Laufe des Abends wird er nur ein einziges Mal entspannt lächeln.

Hier wohnt und arbeitet er also, der vielleicht bekannteste spanische Romancier, der in Barcelona geboren wurde, schon mit dreiundzwanzig seinen ersten Roman veröffentlichte, als Nestbeschmutzer vom Franco-Regime zensiert und geächtet wurde, 1957 ins Exil nach Paris flüchtete und nun seit über zwanzig Jahren in Marrakesch lebt. Auch Goytisolo war bei seinem ersten Besuch vom Djemaa el Fna, den Reiseführer eine "Traumwelt aus Tausendundeiner Nacht" nennen, überwältigt. Der 34jährige hatte sich für ein Jahr nach Tanger zurückgezogen, um den Roman "Juan ohne Land" zu schreiben. Von da aus unternahm er einen ersten Abstecher nach Marrakesch. "Später, im ersten Jahr, das ich in Marrakesch verbrachte, ging ich jeden Tag zu diesem Platz, um dem Erzähler, dem laiki, zuzuhören, und ich schwor mir, diesen Platz erst zu verlassen, wenn ich alles verstanden hätte, was er sagte."

Dabei erlernte er die maghrebinische Mischsprache, ein arabisches Sammelsurium, das noch heute auf den Straßen und Plätzen Marokkos gesprochen wird, bis 1965 sogar an den Schulen gelehrt wurde, aber immer mehr vom klassischen Arabisch verdrängt wird.

Der Platz Djemaa el Fna wurde für den Schriftsteller Universität und Inspirationsquelle zugleich: "Angesichts der unendlichen Bewegung auf diesem Platz hatte ich Lust zu schreiben. Ich erlebte diesen Ort wie einen Text." In seinem Roman "Makbara", der 1980 erschien, hat ihn Goytisolo in dem hymnischen Schlußkapitel "Raumlektüre des Djemaa el Fna" auf neunzehn Seiten literarisch verewigt. "Makbara", erst 1995 unter dem Titel "Engel und Paria" im Suhrkamp Verlag erschienen, ist ein Abenteuer ohne Punkt und Komma.

Goytisolo bricht mit den traditionellen Erzählformen und läßt seine Bilder fließen. Der Text sei schwierig, räumt er ein. "Wie kann man mit Worten die Eindrücke vom Djemaa el Fna wiedergeben, mit diesen Tausenden von Menschen, Tausenden Aktivitäten?"

Nur wenigen Schriftstellern sei es bisher gelungen, Marrakesch zu beschreiben. Es gibt Dutzende von Büchern über diese Stadt, für Goytisolo sind nur zwei von Belang: Elias Canettis "Die Stimmen von Marrakesch" und "Marrakech Médina" von Claude Ollier. Vor allem Canettis Reiseerzählungen hätten ihn fasziniert: wunderbar poetische Geschichten! Der Nobelpreisträger habe es als einer der wenigen Ausländer geschafft, die Mystik des Platzes zu erfassen.

Canetti aber war vor über vierzig Jahren da, seitdem hat sich vieles verändert. Wer die Magie dieses Ortes noch vor fünfzehn, zwanzig Jahren kannte, wird heute enttäuscht. Die improvisierte Lebendigkeit wirkt inszeniert, die zweiundsechzig Verkaufsbuden, neunundfünfzig Garküchen und fünf Schneckenstände sind streng durchnumeriert und haben ihren festen Stellplatz auf weißen Schildern steht in blauer Farbe der Name des Besitzers: Ali, Achmed, Mustapha.