Und seit 1994, dem spektakulären Mord an einem spanischen Touristenehepaar, schreitet die Obrigkeit aus Angst vor fundamentalistischen Volksaufwieglern restriktiv ein. Razziaartig werden Arme, Bettler, Irre, Tobsüchtige, Besessene, alles potentielle Aufwiegler, zusammengetrieben und in den Slums der Vorstadt abgeladen. Manche landen sogar im Gefängnis.

Die Furcht Hassans II. mit seiner Feudaldiktatur ist nicht unbegründet. Nach wie vor gilt Marrakesch als Unruheherd. Von hier gingen die blutigen Aufstände der achtziger und Anfang der neunziger Jahre gegen die Erhöhung der Brotpreise aus. Noch in den siebziger Jahren ließ der Pascha von Marrakesch die Holzbuden auf dem Platz mehrere Male in Flammen aufgehen, aus Angst vor aufwieglerischer kommunistischer Propaganda. Parallel dazu begannen die religiösen Säuberungen als Zeichen gegen die Frankophonie. Die Franzosen hatten nach fünfzigjähriger Besatzungszeit rund um den Platz ein Riesenbordell hinterlassen.

Was ist also von der vierhundertjährigen Tradition des Djemaa el Fna geblieben, die Goytisolo so faszinierend beschreibt? Die einstige Karawanserei, wo die Händler der Wüste verschnauften, gibt es nicht mehr. Und die Verbreitung von Neuigkeiten haben zensierte Organe wie das Fernsehen übernommen. Der Platz dient somit nur noch dem Gemeinschaftserlebnis, als Relikt eines mittelalterlichen Kulturlebens, um das Bedürfnis des Volkes auf Unterhaltung und Schaulust zu bedienen. Und als Schule des Lebenskampfes.

Sprachen, Betteln, Lügen, Betrügen, Schauspielern und Musizieren - hier kann man noch alles lernen. Hier ist Gelegenheit zum Essen und Trinken, zum Schauen, Lauschen und Lustigsein, zur Befriedigung der Neugier, der Sucht nach Aufregendem, dem Besonderen, dem Unerhörten, dem noch nie Gesehenen.

Noch ist der Platz Volksbelustigung und Literatur zugleich, appelliert das Geschehen an dieselben fundamentalen Gefühle.

Die Stunde der Geschichtenerzähler schlägt, wenn sich die Sonne senkt. Der glutrote Feuerball streift jetzt die Dächer der Altstadt und läßt sie erdrosa aufleuchten. Drei, vier Meter lange Schlagschatten fallen über den Platz, die Geräusche steigern sich zu einem Brausen. Tamburine dröhnen. Schalmeien quäken. Das Tröten und Trommeln wird immer rhythmischer und ekstatischer.

Tänzer fliegen und springen. Die Menge ist in ständiger Bewegung.