Menschentrauben formieren sich um die Darsteller, lösen sich wieder auf - wie von einem unsichtbaren Dirigenten arrangiert.

Der grauhaarige Alte mit dem verschmitzten Grinsen beginnt sein Schauspiel.

Mit einleitenden Rufen wie "Allah ihennik!", "Gott erfreue dich!", und "Labbes?", "Geht es gut?", weckt er Aufmerksamkeit, deutet auf einzelne Zuschauer und heimst das Gelächter der Umstehenden ein. Im Halbkreis hocken Greise mit faltigen Gesichtern und verhärmte Jungs mit frechen Augen Seite an Seite und starren erwartungsvoll auf den Erzähler.

Der Meister staffiert die Geschichte mit einstudierten Gebärden aus, beschwört mit erhobenen Händen das Wohlwollen Allahs und der Geister. Jede Geste wird zur magischen Kraft. Die Luft vibriert vor Spannung, die Erregung knistert. Dann hüpft er in plötzlichen Sprüngen gleich seinem Helden in die Schlacht des Stoffes.

Mit lebhafter Anteilnahme begleiten die Hörer die Geschichte, seufzen und lachen, atmen auf und fürchten sich, ganz eingebunden in die Handlung. Droht dem Helden Ungemach oder die Rache der Geister, halten sie entsetzt den Atem an oder beten gar für ihn. Hat der mutige Schalk listenreich den mächtigen Sultan ausgetrickst oder die Gefahr überwunden, preisen sie laut Allah und seine Gerechtigkeit. Die Geschichten sollen beileibe nicht nur unterhalten, sondern Botschaften vermitteln, eine Lehre fürs Leben, zumindest aber ein Fenster zum Verständnis dieser Welt öffnen.

Noch immer gilt der Djemaa el Fna im Maghreb als Mekka der Erzählkunst. Wer sich hier auf dem Platz der Plätze dem Publikum stellt und besteht, dem ist der Ruf der Nachwelt sicher. Ein guter Geschichtenerzähler versteht es, die Menge wie ein Volkstribun in seinen Bann zu ziehen. Manche beherrschen die Kunst der Rhetorik bis zur Vollendung. Mühelos schafft es der Meister, den Faden der Erzählung immer straff zu halten. Nie ändert er die Intensität seiner Worte.

Leute, die Spiel und Schauspiel bieten, Zeitvertreib, Belustigung und Erbauung, haben in der marokkanischen Dritte-Welt-Gesellschaft mit sechzig Prozent Analphabeten immer noch gute Konjunktur. Man braucht sie wie das tägliche Brot, die Erzähler und Unterhaltungskünstler, die Possenreißer und Parodisten, die Komödianten und Musikanten - wie vor hundert Jahren.