Was aber ist aus den Hütern des "mündlichen Erbes der Menschheit" geworden?

Auf dem Platz sind nur noch wenige Geschichtenerzähler zu sehen, zumeist alte Männer mit grauen Bärten. Viele von ihnen, aber auch Schausteller und Artisten, treten inzwischen verstärkt in Tanger, Casablanca und Agadir auf, weil sie in den Zentren des Tourismus mehr Geld verdienen können. Berühmte Söhne des Platzes sind inzwischen verstorben. Doch Goytisolo meint: "Ich setze mich dafür ein, daß junge Erzähler geschult und ausgebildet werden. Ich habe keine Sorge um den Nachwuchs."

Was aber ist mit den Ausgegrenzten, den Bettlern und Krüppeln, die in dem Roman "Makbara" noch wesentlich die Atmosphäre des Platzes bestimmten und heute von den Polizeikräften vertrieben werden? Von staatlichen Übergriffen will Goytisolo nichts bemerkt haben. Wie in seinem Essay betreibt er den Mythos des Platzes mit unverminderter Energie: "Der Djemaa el Fna widersteht den Angriffen sowohl der Zeit als auch einer heruntergekommenen, stumpfen Moderne." Die Touristenschwärme, schreibt er, würden sogleich "von den hauchseidenen Fäden" des Djemaa el Fna eingesponnen und "in seinen Magensäften neutralisiert".

Die Schließung seines Stammcafés "Matich" im Frühjahr 1995 empfand der Dichter als einen "schweren Verlust". In diesem Literatencafé schräg gegenüber dem "Café de France", in den dreißiger Jahren eröffnet, waren schon Jean Genet, Louis Armstrong, Paul Bowles, Alfred Hitchcock und Winston Churchill eingekehrt. Intellektuelle und Künstler aus allen Teilen der Welt hielten hier Nabelschau. Heute ist das "Matich" zum einen Teil ein Telephonladen, die andere Hälfte dient als Souvenirshop. Die Tyrannei der Rentabilität macht auch vor Kulturzentren nicht halt.

Weil Goytisolo um die Verwundbarkeit des Djemaa el Fna weiß, kämpft er um sein Überleben. Er hat mit Architekten und Stadtplanern gesprochen, mit dem Gouverneur in Marrakesch, mit der Unesco in Paris verhandelt. "Es ist noch nicht offiziell", läßt er uns wissen, "aber die Unesco beabsichtigt in den nächsten Monaten, den Platz unter Denkmalschutz zu stellen".

Es ist dunkel geworden. Der Platz vibriert nun vor Energie. Die Silhouette des Koutoubia-Minaretts ragt in den scharlachrot glühenden Horizont. Darüber der schwarzblaue Sternenhimmel. Überall flackern safrangelbe Propangas- und Acetylengasleuchten auf. Ununterbrochen hallt das Gewirr Tausender von Stimmen. Kehlige, gackernde Laute. Gnauiaspieler in weißen Dschellabas mit pechschwarz glänzenden Gesichtern wiegen sich in betörendem Rhythmus, peitschen klatschend Tänzer und Umstehende an. Dazwischen tröten jäh Schalmeien, überraschend und tröstend.

Leicht gebeugt, mit kurzen, festen Schritten, biegt Juan Goytisolo wie jeden Abend gegen sieben hinter dem Kino Eden auf die Gasse zum Platz, passiert das "Café de France" und ist da. Der Wirt rückt einen Tisch zurecht. Stuhlbeine schrammen. Der Schriftsteller nimmt in der Männerrunde Platz, als Erster unter Gleichen, mit Blick auf den Djemaa el Fna, dessen Geräusche in der Ferne brodeln.