Dresden Wenn er geahnt hätte, daß sie ihm mal ein Denkmal setzen, hätte Herbert Wehner sich einen bissigen Kommentar wohl nicht verkneifen können. Nur erster Diener seiner Partei wollte er sein, der Asket mit Pfeife und Aktentasche, und war doch mächtiger als die meisten seiner Mitstreiter, wortmächtiger sowieso.

Den Sachsen hörte man ihm kaum an, dabei war er ein echter Dresdner. Wenn auch ganz bestimmt kein "Kaffeesachse" von der gemütvollen Art. Wehner habe den "energischen, leidenschaftlichen, zornigen, verbitterten Sachsen" verkörpert, sagte einmal sein langjähriger Freund und Weggefährte, der ehemalige Verfassungsschutzpräsident Günther Nollau. Zornig und verbissen, das konnte er sein, der "Zuchtmeister", aber dann auch wieder der gute "Onkel". Jetzt haben ihn die Dresdner aufs Podest gehoben. Immerhin: Den in der Stadt üblichen Goldüberzug haben sie ihm nicht angetan. Betont schlicht, fast ein wenig unauffällig ist das Denkmal ausgefallen, das auf Initiative der Dresdner SPD-Stadtratsfraktion in der Spenerstraße im Stadtteil Striesen feierlich enthüllt wurde. Hier, in der Nummer 13, wurde Wehner am 11. Juli 1906 geboren. Das Geburtshaus fiel im Krieg in Trümmer, aber den Sportplatz gibt es noch, auf dem der Schustersohn gebolzt hat.

Aus drei Edelstahlplatten hat der Dresdner Künstler Peter Bergmann das Wehner-Memorial montiert. Aus der obersten Platte ist das bekannte Profil des Pfeifenmannes herausgestanzt. Die beiden unteren tragen Lebensdaten und einen visionären, wenn auch etwas sperrigen Ausspruch Wehners von 1964, als er Vorsitzender des Bundestagsausschusses für gesamtdeutsche Fragen war: "Die Humanität wird stärker sein als Schießbefehle und Minengürtel, wenn sie sich entfalten kann. Wiedervereinigung in gesicherter Freiheit wird letzten Endes abhängig sein von dem Grade, in dem das Zusammengehörigkeitsgefühl, wenn auch zunächst schritt- und stückweise, sich geltend macht."

Zusammen mit seiner Frau Greta, die jetzt in Dresden lebt, war Wehner 1985 zum letzten Mal in seine Heimatstadt gekommen. Da schaute er auch in der Spenerstraße vorbei und schwelgte in Erinnerungen. Als die Mauer fiel, war er schon todkrank. Am 20. Januar 1990 starb Herbert Wehner, ohne die Wiedervereinigung erlebt zu haben. Das Denkmal am Ort seiner Geburt ist ein spätes Bekenntnis der Dresdner zum politischen Lebenswerk des Umstrittenen.

Wenn auch vielleicht nur ein halbes.

Warum haben sie eigentlich keine Straße nach ihm benannt?