Lange habe ich über der Frage gegrübelt, zu was sich ein assimilierter Jude assimilieren kann. Ich habe ein Faible für solche Fragen, weil sie der Form nach humoristisch, dem Inhalt nach tragisch sind und sich daher für eine zeitgemäße künstlerische und essayistische Aufarbeitung gleichermaßen eignen.

Dazu muß man sie aber erst einmal überleben, und zwar in möglichst heiterer Fassung.

Zur der Frage provozierten mich die geistigen Ausdünstungen des öffentlichen Lebens zur Zeit der ersten frei gewählten ungarischen Regierung: Zwischen 1990 und 1994 galt die Bezeichnung "Liberal-Bolschewik" als das beliebteste politische Schimpfwort.

Da nun das Wort "liberal" auf ein Weltbild verweist, in dem die wirtschaftliche, ideologische und administrative Rolle des Staates auf ein Minimum reduziert ist, der "Bolschewik" hingegen jene Form des Zusammenlebens als ideal erachtet, in der sich die lenkende und kontrollierende Rolle des Staates auf alles, selbst das Privatleben, in maximaler Intensität erstreckt, ist der besagte Ausdruck mit nüchternem Verstand nicht zu begreifen. Dennoch muß in ihm ein gemeinsamer Nenner verborgen sein, der ihm einen Sinn verleiht. Dieser gemeinsame Nenner kann aus den skizzierten Gründen kein politischer oder ideologischer sein.

Das Schimpfwort selbst verströmt aber politischen Gestank. Das ist ein Widerspruch, in den sich zu vertiefen Genuß verschafft.

"Geh' doch nach Amerika, in die Heimat der Bolschewisten!"

Zwischen 1941 und 1944, im Alter zwischen zehn und dreizehn Jahren also, ging ich in die fünfte, sechste und siebente Klasse C des Dániel-Berzsenyi-Gymnasiums. In den C-Klassen wurden, auf oberste Weisung, die jüdischstämmigen Schüler der A- und B-Klassen zusammengefaßt. Herr Lehrer Szücs, der uns in Leibeserziehung unterrichtete, befahl uns bisweilen, uns mit dem Gesicht nach vorn von der Sprossenwand hängen zu lassen. Er marschierte an uns vorbei, um jedem dritten oder vierten Kind eine mächtige Ohrfeige zu verpassen und dabei auszurufen: "Geh doch nach Amerika, in die Heimat der Bolschewisten!" Dieser Ratschlag verwirrte mein Weltbild, denn bis dahin glaubte ich zu wissen, daß die Bolschewisten nicht in Amerika, sondern in Rußland lebten. Später erfuhr ich, freilich nicht durch Herrn Lehrer Szücs, daß sowohl Kommunismus als auch Kapitalismus jüdische Erfindungen seien.

Als zur Zeit der ersten frei gewählten ungarischen Regierung im Parlament, im Fernsehen, in zahlreichen Presseorganen und im Rundfunk der Chor der Verdammer des "Liberal-Bolschewismus" ertönte, erschienen vor meinem geistigen Auge die unvergeßliche Gestalt des Lehrers Szücs und wir Schüler, wie wir da an der Sprossenwand hängen, und mit einem Schlag löste ich den Widerspruch, fand ich den gesuchten gemeinsamen Nenner. Gleich schreibe ich das Wort, das sich aufdrängt und das in diesem Zusammenhang Jahrzehnte hindurch noch weniger druckreif war als das, was man im Englischen verschämt als ein four-letter word bezeichnet: "Liberal-Bolschewik" bedeutet in der Umgangssprache soviel wie "Juden-Jude".

Da nun aber in der zweiten Hälfte des Jahres 1944 rund 600 000 ungarische Staatsbürger jüdischer Abstammung vergast oder auf andere Weise aus dem Leben befördert wurden, ließen sich nur die aufrichtigsten Antisemiten auf öffentliches Judenbeschimpfen ein. Die weniger Aufrichtigen sagten zur Zeit der Herrschaft der ersten frei gewählten ungarischen Regierung in stillschweigendem Einverständnis nicht einfach: "Du lausiger Juden-Jude!", sondern wichen auf den Ausdruck "Du dreckiger Liberal-Bolschewik!" aus. Ich hingegen begriff - dank des pädagogischen Eifers des Lehrers Szücs - die wahre Bedeutung dieser Kategorie. Auch sah ich, daß das Wort "Jude" seit der Zeit des Lehrers Szücs einen Bedeutungswandel durchmachte: daß es nicht nur einen rassistischen Inhalt mit sich wälzt, sondern auch geistesgeschichtliche Subtilitäten in sich aufsog.

"Juden-jüdisch" ist die kritische Grundhaltung, vor allem gegenüber den Autoritäten, weiter jede Werteordnung, die nicht die Nation in ihr Zentrum stellt auch Sokrates, Erasmus und Diderot waren "Juden-jüdisch" und die gesamte urbane Weltkultur sowieso. Wenn ich den "Juden-Juden" positiv definieren will, dann kann ich ihn einen "Liberal-Bolschewiken" nennen, wenn ich ihn negativ definieren will, dann kann ich von ihm sagen, daß er kein Ungar und kein Zigeuner ist. Doch wenn man von jemandem, der sich als Ergebnis der Arbeit von mehreren Generationen und seinem eigenen Leben zum Ungarn assimiliert hat, behauptet, er sei kein Ungar, dann kann man sich der eingangs formulierten Frage nicht mehr entziehen: Wenn ich mich schon einmal assimiliert habe, zu was kann ich mich noch assimilieren?

Mitte der siebziger Jahre gab mir der Kulturchef des Blattes Magyar Hirlap, ein Mitglied der Staatspartei, ein Feuilleton-Stück mit der Bemerkung zurück, daß sein Blatt keine antisemitischen Schriften drucken könne. Ich starrte ihn ungläubig an. Er hielt meinem Blick stand. "Aber ich mag die Juden nicht", sagte ich zu ihm. Er wurde rot. "Bitte, das ist deine Privatsache", antwortete er. "Warte", sagte ich, "ich bin noch nicht fertig. Ich mag die Juden nicht. Aber ich mag auch die Nichtjuden nicht." Daraufhin drehte er sich auf der Stelle um und hinkte davon. (Er hatte ein Holzbein, noch heute höre ich sein Klopfen. Von da an druckte er bis zu seinem Tod keine einzige Zeile von mir.)

Zurückdenkend an diese kleine Szene, erfaßt mich Unruhe. Ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, daß der Ressortchef deshalb beleidigt war, weil ich mich präzise ausgedrückt hatte. Ich mag weder die Juden noch die Nichtjuden, weil ich die Menschen nicht in dieser Weise kategorisiere. Ich mag auch die Ungarn nicht und auch nicht die Nichtungarn. Er empfand das als unerträglich.

Als ein jüdisches Spezifikum, denke ich. Die in meiner Formulierung liegende Ironie kam ihm wahrscheinlich doppelt jüdisch vor. "Juden-jüdisch" eben.

Meine Großmutter mütterlicherseits lebte ihr Leben als vornehme Dame calvinistischen Bekenntnisses. Ihr Mann magyarisierte seinen Namen von Engel auf Eörsi, er war Gutsverwalter im Komitat Zala. 1919 raffte ihn die spanische Grippe hinweg. Als sich meine Großmutter am 5. April 1944 den gelben Stern annähen mußte, verlor sie ihre Fassung, verharrte in gebeugter Haltung, alterte von einem Tag zum anderen. Ende Dezember, auf dem Weg ins Ghetto, brach sie in der Jókai-Straße zweimal zusammen, meine Mutter und ich mußten sie stützen. Es gelang uns, in einem Haus in der Klauzál-Straße ein leeres Zimmer zu finden. Im Zimmer nebenan wohnte bereits eine jüdische Familie. Wir wollten eine Kanne Wasser auf dem Sparherd aufsetzen, auf dem sowieso schon eine Art Suppe brodelte, um Tee für meine Großmutter zu kochen, die immer noch von Schüttelfrost gebeutelt wurde. Daraufhin knurrte eine alte Frau aus der anderen Familie, daß das ihr Sparherd sei. Ich sagte zu ihr, daß wir nur Wasser für die Oma aufwärmen wollten. Als Antwort begann die Alte zu brüllen, daß das nicht in Frage komme, sie seien früher gekommen, und der Sparherd gehöre ihnen. Seitdem weiß ich, daß die Verfolgung zwar etwas Unangenehmes ist, aber kein Verdienst und daß der Verfolgte deshalb nicht unbedingt ein besserer Mensch ist, bloß weil er verfolgt wird. Manchmal gar schadet die andauernde Lebensgefahr direkt seiner Moral.

Nach der Befreiung von Budapest kehrten wir in unsere Wohnung zurück.

Inzwischen war dort ein Jude aus der Slowakei mit gefälschten Papieren eingezogen, der dort die Belagerung der Stadt überdauert hatte. Sogleich stellte sich heraus, daß er, während wir im Ghetto waren, das Silberbesteck, den Schmuck und die Gemälde der Familie gestohlen und alle beweglichen Werte weggeschafft hatte. Meine Mutter zeigte ihn bei der Polizei an. Am nächsten Tag kamen drei Zivilfahnder. Sie hielten sich nicht lange mit Verhören auf, sondern gingen nach Feststellung der Personalien unmittelbar an die Arbeit.

Sie schlugen den Mann nieder und traten zu meinem Erschrecken so lange auf ihren am Boden kreischenden Klienten ein, bis dieser verriet, wo er die Beute versteckt hatte. Die Beamten führten ihn ab. Auf der Schwelle drehte er noch einmal sein blutiges Gesicht meiner Mutter zu und sagte: "Schämen Sie sich nicht? Juden, die einen Juden anzeigen?"

Mit all diesen alten Geschichten möchte ich nachvollziehbar machen, auf welchem Quellenmaterial der Satz basierte, mit dem ich den holzbeinigen Ressortchef schockierte. Warum sollte ich mit solchen Geschichten im Kopf die Juden mögen? Und warum sollte ich die Nichtjuden mögen, den Lehrer Szücs zum Beispiel oder die drei Schlägertypen?

Doch wenn ich mit den Kategorien des Mögens und Nichtmögens meine Zugehörigkeit absolut nicht zu bestimmen vermag, welches sind dann die Gesichtspunkte, auf deren Grundlage ich für meine bescheidene Person einen Platz im Chaos der menschlichen Gemeinschaften finden soll?

Es ist dies keine leichte Frage. Schon von Kleinkind auf war ich davon überzeugt, ein Ungar zu sein. Verdutzt mußte ich dann erfahren, daß man mich mit einem gelben Symbol abstempelte und daraufhin in einem fort töten wollte.

Weil ich nie gläubig war, glaubte ich nicht, daß dies aus religiösen Gründen geschah. Auch sonst beschäftigten mich glücklicherweise die theologischen Aspekte dieses Problems nicht, denn sonst hätte ich schon im Alter von acht Jahren aus der Rede, die Fürstprimas Jusztinián Serédi, das Oberhaupt der ungarischen katholischen Kirche, anläßlich der Debatte über das zweite Judengesetz im Oberhaus hielt, erfahren, daß die Kirche dem Sakrament der Taufe keine blut- und rassentransformierende Wirkung zuschrieb. Die getauften Juden durften also auf jenseitiges Heil hoffen, doch vom staatlichen Gesichtspunkt aus konnten sie auch weiterhin ruhig diskriminiert werden.

Diese Logik mündete in die Zurkenntnisnahme der Vergasung, denn auch die Transsubstantiation via Krematorium beeinflußte die Heilsaussichten nicht, die Betreiber der Todesmaschinerie strebten ja bloß nach Blut- und Rassenreinigung. Die Taufe der Juden betrachtete der Fürstprimas als Teil der urchristlichen Tradition, denn, wie er sagte, auch die Apostel führten sie durch. Der scharfsinnige Publizist Zoltán Gáspár entlarvte schon 1939 die in diesen Äußerungen verborgene Unaufrichtigkeit, indem er darauf verwies, daß die Apostel nicht nur Juden tauften, sondern selbst welche waren. Übrigens wurde auch ich 1944 getauft, doch ich verspürte nicht nur keine blut- und rassentransformierende, sondern auch die seelenbildende Wirkung dieses Sakraments nicht. Im Alter von dreizehn Jahren war es mir nämlich schon völlig egal, ob ich an den jüdischen oder an den christlichen Gott nicht glaubte.

Was ich für Kommunismus hielt, war eine Klassendiktatur Nach dem Krieg versuchte ich so zu tun, als ob nichts geschehen wäre.

Meine Hoffnungen führten mich als Jugendlichen zum Kommunismus, und ich war davon überzeugt, daß mein Ungartum, dessen kulturellen Ertrag ich leidenschaftlich liebte, innerhalb der Grenzen der internationalistischen Vision des kommunistischen Weltbildes harmonisch aufsprießen könne. Später kam ich darauf, daß das, was ich für den Kommunismus hielt, eine hemmungslose Klassendiktatur war, daß der Internationalismus, in die Sprache der Praxis übersetzt, sowjetische Bajonette bedeutete. 1956 revoltierte ich dagegen, so wie die anderen ungarischen Jugendlichen, und als mutiger ungarischer Jugendlicher zog ich ins Gefängnis ein, wo mir Gefangene, vor allem die älteren Vertreter der Mittelklassen, erneut völkisch-nationale Forderungen nach Blut- und Rassenreinheit ins Ge sicht schleuderten.

Da ich nicht meinen Lebenslauf zu erzählen beabsichtige, springe ich hier ab, um mich in die Höhen prinzipieller Erörterungen zu erheben. Vom ersten Judengesetz Ungarns an bis zur ersten frei gewählten ungarischen Regierung wurde ich mehrfach darauf gestoßen, daß in Hinsicht auf meine konfessionelle, ethnische und nationale Zugehörigkeit zwischen meinem Denken und meiner Lage ein Widerspruch besteht. Vergebens versteife ich mich darauf, daß ich der bin, der ich bin, wenn die öffentliche Meinung mich anders definiert als ich mich. Zu unserer Identität gehört nämlich auch, wie die anderen uns beurteilen. Da ich mich auch in weniger wichtigen Fragen nicht gerne den Ansichten anderer anpasse, muß ich mich zugleich von meiner eigenen ursprünglichen Auffassung und der Meinung anderer über mich distanzieren.

Dies bedeutet für mich, daß ich mich weder den Ungarn noch den Juden zu assimilieren gedenke - mit letzteren verbindet mich übrigens allein die Solidarität der Verfolgung. Von der jüdischen Kultur hatte lediglich die Bibel eine Wirkung auf mich, und selbst diese nicht als Quelle des Glaubens, sondern in etwa wie die Homerischen Epen.

Absurde Diskriminierung verleiht die Fähigkeit zur Ironie Vor dem Nationalismus und Rassismus des jüdischen Staates scheue ich ebenso zurück wie vor jedem anderen Nationalismus und Rassismus. Den orthodoxen jüdischen Fundamentalismus zähle ich zusammen mit den anderen religiösen Fundamentalismen zu den gefährlichsten und abwegigsten Feinden des menschlichen Zusammenlebens.

Wonach kann ich also streben?

Danach, ein Ungar zu sein, infolge meiner sprachlichen Verwurzelung, weiters, ein Jude zu sein, aber nur in den Augen der Antisemiten - ansonsten versuche ich mich ausschließlich an István Eörsi anzupassen. Das heißt, ich bemühe mich, die in mir verborgene István-Eörsi-heit nach Möglichkeit maximal zu verwirklichen.

Eine solche Haltung verlangt nach einer ironischen Anschauungsweise. Mit Hilfe der Ironie konfrontieren wir unsere von uns selbst gehegten Vorstellungen mit dem Bild, das andere von uns haben. Die Ironie ist natürlich, wie das Legionen von Beispielen von Platon über Voltaire und Thomas Mann bis hin zu Brecht belegen, keine jüdische Eigenschaft, doch die objektive Situation der jüdischstämmigen Intellektuellen entwickelt sie mit zwingender Kraft in jenen, die dazu Neigung zeigen. Und weil wir in einem an Idealen armen Zeitalter leben, dessen geistiges Fluidum durch das, was Heine als "zahlungsfähige Moral" bezeichnete, garantiert wird, gibt die Fähigkeit zur Ironie Orientierungshilfe in einer moralischen Ordnung, die ihre Kleinkariertheit auf heuchlerische Weise hinter sozialen und religiösen Idealen verstecken möchte. Das Komische dringt in die Spielhälfte des Tragischen ein und umgekehrt. Die Ironie hebt nämlich die Gegensätze nicht auf, sondern verschränkt sie miteinander und veranschaulicht auf diese Weise das komplizierte, komische und furchtbare Einander-nicht-Entsprechen von Vorstellung und Wirklichkeit, Mitteln und Zielen, Interessen und Werten.

Das Gefühl für Ironie ist also eine Gabe, die durch absurde Diskriminierung einen Ansporn erfährt. Je wahnsinniger die Verfolgung, die das Opfer erleiden muß, desto sensibler registriert es die Symptome und Ursachen der Großen Lüge, die sein Schicksal bestimmt. Falls der Betreffende die Prozedur überlebt, hat er die Chance, seine Sensibilität auch auf die Verletzungen anderer verfolgter und unterdrückter Menschengruppen auszudehnen. Schließlich entspringt die Diskriminierung nationaler, religiöser, ethnischer, weltanschaulicher und sexueller Minderheiten ein und demselben Stamm.

Dem sei noch die Diskriminierung jener Mehrheit der Menschen hinzugefügt, die aller irdischen Güter beraubt sind. Auch an diesem Abend, an dem ich diese Zeilen hinschreibe, liefert mir das Fernsehen Bilder von verhungernden sudanesischen Säuglingen ins Wohnzimmer, einige von ihnen saugen in vergeblicher Anstrengung an den leer herabhängenden Brüsten ihrer Mütter.

Allen Ginsberg heulte deshalb gegen das Elend der Dritten Welt, gegen den Vietnamkrieg und gegen die Rechtlosigkeit der Schwarzen, weil er in seiner Jugend wegen seiner homosexuellen Neigungen abgestempelt worden war. Die Erniedrigungen machten ihn sensibel für alle Formen der Erniedrigung.

Auch ich schätze mich glücklich, daß ich den umfassendsten organisierten Verfolgungskreuzzug der Geschichte am eigenen Leib kennenlernte. Ein guter Mensch wurde ich deshalb nicht, doch zumindest droht nicht die Gefahr, daß ich das Toben der Fanatismen und das weltweite Vordringen des Elends nur mit einem Achselzucken zur Kenntnis nehme.

Aus dem Ungarischen übersetzt von Gregor Mayer