Nach der Befreiung von Budapest kehrten wir in unsere Wohnung zurück.

Inzwischen war dort ein Jude aus der Slowakei mit gefälschten Papieren eingezogen, der dort die Belagerung der Stadt überdauert hatte. Sogleich stellte sich heraus, daß er, während wir im Ghetto waren, das Silberbesteck, den Schmuck und die Gemälde der Familie gestohlen und alle beweglichen Werte weggeschafft hatte. Meine Mutter zeigte ihn bei der Polizei an. Am nächsten Tag kamen drei Zivilfahnder. Sie hielten sich nicht lange mit Verhören auf, sondern gingen nach Feststellung der Personalien unmittelbar an die Arbeit.

Sie schlugen den Mann nieder und traten zu meinem Erschrecken so lange auf ihren am Boden kreischenden Klienten ein, bis dieser verriet, wo er die Beute versteckt hatte. Die Beamten führten ihn ab. Auf der Schwelle drehte er noch einmal sein blutiges Gesicht meiner Mutter zu und sagte: "Schämen Sie sich nicht? Juden, die einen Juden anzeigen?"

Mit all diesen alten Geschichten möchte ich nachvollziehbar machen, auf welchem Quellenmaterial der Satz basierte, mit dem ich den holzbeinigen Ressortchef schockierte. Warum sollte ich mit solchen Geschichten im Kopf die Juden mögen? Und warum sollte ich die Nichtjuden mögen, den Lehrer Szücs zum Beispiel oder die drei Schlägertypen?

Doch wenn ich mit den Kategorien des Mögens und Nichtmögens meine Zugehörigkeit absolut nicht zu bestimmen vermag, welches sind dann die Gesichtspunkte, auf deren Grundlage ich für meine bescheidene Person einen Platz im Chaos der menschlichen Gemeinschaften finden soll?

Es ist dies keine leichte Frage. Schon von Kleinkind auf war ich davon überzeugt, ein Ungar zu sein. Verdutzt mußte ich dann erfahren, daß man mich mit einem gelben Symbol abstempelte und daraufhin in einem fort töten wollte.

Weil ich nie gläubig war, glaubte ich nicht, daß dies aus religiösen Gründen geschah. Auch sonst beschäftigten mich glücklicherweise die theologischen Aspekte dieses Problems nicht, denn sonst hätte ich schon im Alter von acht Jahren aus der Rede, die Fürstprimas Jusztinián Serédi, das Oberhaupt der ungarischen katholischen Kirche, anläßlich der Debatte über das zweite Judengesetz im Oberhaus hielt, erfahren, daß die Kirche dem Sakrament der Taufe keine blut- und rassentransformierende Wirkung zuschrieb. Die getauften Juden durften also auf jenseitiges Heil hoffen, doch vom staatlichen Gesichtspunkt aus konnten sie auch weiterhin ruhig diskriminiert werden.