Diese Logik mündete in die Zurkenntnisnahme der Vergasung, denn auch die Transsubstantiation via Krematorium beeinflußte die Heilsaussichten nicht, die Betreiber der Todesmaschinerie strebten ja bloß nach Blut- und Rassenreinigung. Die Taufe der Juden betrachtete der Fürstprimas als Teil der urchristlichen Tradition, denn, wie er sagte, auch die Apostel führten sie durch. Der scharfsinnige Publizist Zoltán Gáspár entlarvte schon 1939 die in diesen Äußerungen verborgene Unaufrichtigkeit, indem er darauf verwies, daß die Apostel nicht nur Juden tauften, sondern selbst welche waren. Übrigens wurde auch ich 1944 getauft, doch ich verspürte nicht nur keine blut- und rassentransformierende, sondern auch die seelenbildende Wirkung dieses Sakraments nicht. Im Alter von dreizehn Jahren war es mir nämlich schon völlig egal, ob ich an den jüdischen oder an den christlichen Gott nicht glaubte.

Was ich für Kommunismus hielt, war eine Klassendiktatur Nach dem Krieg versuchte ich so zu tun, als ob nichts geschehen wäre.

Meine Hoffnungen führten mich als Jugendlichen zum Kommunismus, und ich war davon überzeugt, daß mein Ungartum, dessen kulturellen Ertrag ich leidenschaftlich liebte, innerhalb der Grenzen der internationalistischen Vision des kommunistischen Weltbildes harmonisch aufsprießen könne. Später kam ich darauf, daß das, was ich für den Kommunismus hielt, eine hemmungslose Klassendiktatur war, daß der Internationalismus, in die Sprache der Praxis übersetzt, sowjetische Bajonette bedeutete. 1956 revoltierte ich dagegen, so wie die anderen ungarischen Jugendlichen, und als mutiger ungarischer Jugendlicher zog ich ins Gefängnis ein, wo mir Gefangene, vor allem die älteren Vertreter der Mittelklassen, erneut völkisch-nationale Forderungen nach Blut- und Rassenreinheit ins Ge sicht schleuderten.

Da ich nicht meinen Lebenslauf zu erzählen beabsichtige, springe ich hier ab, um mich in die Höhen prinzipieller Erörterungen zu erheben. Vom ersten Judengesetz Ungarns an bis zur ersten frei gewählten ungarischen Regierung wurde ich mehrfach darauf gestoßen, daß in Hinsicht auf meine konfessionelle, ethnische und nationale Zugehörigkeit zwischen meinem Denken und meiner Lage ein Widerspruch besteht. Vergebens versteife ich mich darauf, daß ich der bin, der ich bin, wenn die öffentliche Meinung mich anders definiert als ich mich. Zu unserer Identität gehört nämlich auch, wie die anderen uns beurteilen. Da ich mich auch in weniger wichtigen Fragen nicht gerne den Ansichten anderer anpasse, muß ich mich zugleich von meiner eigenen ursprünglichen Auffassung und der Meinung anderer über mich distanzieren.

Dies bedeutet für mich, daß ich mich weder den Ungarn noch den Juden zu assimilieren gedenke - mit letzteren verbindet mich übrigens allein die Solidarität der Verfolgung. Von der jüdischen Kultur hatte lediglich die Bibel eine Wirkung auf mich, und selbst diese nicht als Quelle des Glaubens, sondern in etwa wie die Homerischen Epen.

Absurde Diskriminierung verleiht die Fähigkeit zur Ironie Vor dem Nationalismus und Rassismus des jüdischen Staates scheue ich ebenso zurück wie vor jedem anderen Nationalismus und Rassismus. Den orthodoxen jüdischen Fundamentalismus zähle ich zusammen mit den anderen religiösen Fundamentalismen zu den gefährlichsten und abwegigsten Feinden des menschlichen Zusammenlebens.

Wonach kann ich also streben?