Danach, ein Ungar zu sein, infolge meiner sprachlichen Verwurzelung, weiters, ein Jude zu sein, aber nur in den Augen der Antisemiten - ansonsten versuche ich mich ausschließlich an István Eörsi anzupassen. Das heißt, ich bemühe mich, die in mir verborgene István-Eörsi-heit nach Möglichkeit maximal zu verwirklichen.

Eine solche Haltung verlangt nach einer ironischen Anschauungsweise. Mit Hilfe der Ironie konfrontieren wir unsere von uns selbst gehegten Vorstellungen mit dem Bild, das andere von uns haben. Die Ironie ist natürlich, wie das Legionen von Beispielen von Platon über Voltaire und Thomas Mann bis hin zu Brecht belegen, keine jüdische Eigenschaft, doch die objektive Situation der jüdischstämmigen Intellektuellen entwickelt sie mit zwingender Kraft in jenen, die dazu Neigung zeigen. Und weil wir in einem an Idealen armen Zeitalter leben, dessen geistiges Fluidum durch das, was Heine als "zahlungsfähige Moral" bezeichnete, garantiert wird, gibt die Fähigkeit zur Ironie Orientierungshilfe in einer moralischen Ordnung, die ihre Kleinkariertheit auf heuchlerische Weise hinter sozialen und religiösen Idealen verstecken möchte. Das Komische dringt in die Spielhälfte des Tragischen ein und umgekehrt. Die Ironie hebt nämlich die Gegensätze nicht auf, sondern verschränkt sie miteinander und veranschaulicht auf diese Weise das komplizierte, komische und furchtbare Einander-nicht-Entsprechen von Vorstellung und Wirklichkeit, Mitteln und Zielen, Interessen und Werten.

Das Gefühl für Ironie ist also eine Gabe, die durch absurde Diskriminierung einen Ansporn erfährt. Je wahnsinniger die Verfolgung, die das Opfer erleiden muß, desto sensibler registriert es die Symptome und Ursachen der Großen Lüge, die sein Schicksal bestimmt. Falls der Betreffende die Prozedur überlebt, hat er die Chance, seine Sensibilität auch auf die Verletzungen anderer verfolgter und unterdrückter Menschengruppen auszudehnen. Schließlich entspringt die Diskriminierung nationaler, religiöser, ethnischer, weltanschaulicher und sexueller Minderheiten ein und demselben Stamm.

Dem sei noch die Diskriminierung jener Mehrheit der Menschen hinzugefügt, die aller irdischen Güter beraubt sind. Auch an diesem Abend, an dem ich diese Zeilen hinschreibe, liefert mir das Fernsehen Bilder von verhungernden sudanesischen Säuglingen ins Wohnzimmer, einige von ihnen saugen in vergeblicher Anstrengung an den leer herabhängenden Brüsten ihrer Mütter.

Allen Ginsberg heulte deshalb gegen das Elend der Dritten Welt, gegen den Vietnamkrieg und gegen die Rechtlosigkeit der Schwarzen, weil er in seiner Jugend wegen seiner homosexuellen Neigungen abgestempelt worden war. Die Erniedrigungen machten ihn sensibel für alle Formen der Erniedrigung.

Auch ich schätze mich glücklich, daß ich den umfassendsten organisierten Verfolgungskreuzzug der Geschichte am eigenen Leib kennenlernte. Ein guter Mensch wurde ich deshalb nicht, doch zumindest droht nicht die Gefahr, daß ich das Toben der Fanatismen und das weltweite Vordringen des Elends nur mit einem Achselzucken zur Kenntnis nehme.

Aus dem Ungarischen übersetzt von Gregor Mayer