Noch vor wenigen Wochen versuchte Michel Camdessus, der geschäftsführende Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), die Lage in Rußland herunterzuspielen: Es gebe keine Krise, sondern nur eine "bedeutende Entwicklung". Jetzt verhandelt Rußland doch mit dem IWF über ein zusätzliches Kreditpaket. Ein bis zwei Monate werde es jedoch dauern, bis eine Einigung erzielt werden könne, haben die IWF-Manager angekündigt.

Eine riskante Strategie. Ohne die Dollarmilliarden aus Washington droht Rußland in Kürze ein Fiasko: Die russische Regierung wird schon bald nicht mehr nur mit Löhnen und Renten, sondern auch mit dem Schuldendienst in Verzug sein - jeden Mittwoch werden durchschnittlich mehr als zwei Millarden Mark an Obligationen auf dem Inlandsmarkt fällig, ohne daß neue Kredite in entsprechender Höhe bereitstünden

das Bankensystem steht vorm Kollaps, weil einige große Häuser weitere Sicherheiten für bestehende Auslandskredite einbringen müssen, aber voraussichtlich nicht können

und die Devisenreserven der Zentralbank schrumpfen auch bei Realzinsen jenseits der fünfzig Prozent, so daß der Rubel nicht mehr lange zu halten sein dürfte.

Die Abwertung des Rubels aber ist ein Tabu. Denn den wenigen Vorteilen stehen enorme Kosten gegenüber: Das Vertrauen internationaler Anleger, das in den vergangenen drei Jahren mühselig geschaffen wurde, würde vollends schwinden

eine Bankenkrise wäre wegen der relativ hohen Verbindlichkeiten in US-Dollar unvermeidbar.

Die Sache scheint klar: Der IWF sollte möglichst schnell mit einem Kredit in zweistelliger Milliardenhöhe die Zentralbankreserven aufstocken und die Regierung wieder zahlungsfähig machen. Das würde die Finanzmärkte voraussichtlich beruhigen, die Dollarmilliarden würden wieder zurückfließen und die Zinsen fallen. Die Regierung könnte dann endlich mehr leisten als nur Krisenmanagement.