die zeit: Die neuen Erkenntnisse im Bereich der Hirnforschung sind kaum noch zu überblicken. Wie sortieren Sie die Datenflut?

Christof Koch: Ich denke, es ist derzeit nicht möglich, eine Bewußtseinstheorie aufzustellen, die mit allen Erkenntnissen kompatibel ist.

Dazu ist unser Wissen vom Gehirn viel zu fragmentarisch. Man muß sich also für einen Ansatz entscheiden - und den verfolgen, ohne sich von widersprüchlichen Ergebnissen allzusehr ablenken zu lassen.

zeit: Sie vertreten zusammen mit Francis Crick die These, für bewußtes Erleben sei nur ein ganz bestimmter Typ von Nervenzellen verantwortlich. Wie viele von den etwa hundert Milliarden Neuronen des menschlichen Gehirns braucht man dazu?

Koch: Sehr wenige. Vielleicht zehntausend, vielleicht hunderttausend. Das heißt nicht, daß für ein bestimmtes bewußtes Erlebnis eine einzelne Nervenzelle verantwortlich ist und daß dieses Erleben mit dem Ausfall der Zelle plötzlich verschwinden wird. Aber es sind auch keine gewaltigen Zellverbände notwendig, um Bewußtsein zu vermitteln.

zeit: Meinen Sie, daß man diese Zellen irgendwann einmal genau lokalisieren kann?

Koch: Das scheint mir durchaus möglich. Man kann heute schon bei Mäusen gezielten Gedächtnisverlust erzeugen: Mäuse, die darauf trainiert sind, unter Wasser eine Plattform zu erreichen, finden diese plötzlich nicht mehr, wenn man mit Hilfe von gentechnischen Methoden spezifische Moleküle in bestimmten Gehirnarealen ausschaltet.