zeit: Andererseits zeigen viele Versuche, daß das Gehirn eine sehr hohe Plastizität aufweist, daß also beim Ausfall bestimmter Bereiche andere Hirnareale deren Aufgaben übernehmen können.

Koch: Stimmt. Man darf bei diesen Versuchen nicht zu lange warten - sonst bilden sich im Gehirn neue Bahnen, und verlorengegangene Fähigkeiten werden regeniert. Man muß spezifische Ausfälle - hervorgerufen durch Pharmaka oder Viren, die bestimmte Neuronenklassen inaktivieren - schnell untersuchen, das heißt in Stunden und nicht erst Tage oder Wochen danach.

zeit: Dennoch wissen wir bis heute nicht viel über die Funktion einzelner Zelltypen.

Koch: Die Methoden sind noch zu grob. Mit Hilfe der funktionellen Kernspintomographie messen wir etwa die Durchblutung bestimmter Hirnregionen und damit den Energieverbrauch von Zellgruppen. Das ist so, als versuchte man die Aktivität einzelner Menschen zu erfassen, indem man den Leistungsbedarf des Stromnetzes mißt. Aber die Methoden werden ständig verfeinert, und ich kann mir vorstellen, daß man irgendwann sogar zwei Gehirne miteinander verbinden kann.

zeit: Sie beschäftigen sich ausschließlich mit der Analyse des visuellen Systems. Diese Beschränkung wird Ihnen oft zum Vorwurf gemacht. Was gibt Ihnen die Gewißheit, so zum Erfolg zu kommen?

Koch: Ganz einfach: Ich will das Problem in meinem Leben noch verstehen.

Natürlich muß man auch irgendwann Bewußtseinszustände wie Schlafwandeln, Meditation und Halluzinationen erklären. Aber wenn man seinen Hausschlüssel verloren hat, wird man auch den einfachsten Weg suchen, in sein Haus zu kommen - und das ist momentan das bewußte und unbewußte Sehen. Es kann natürlich sein, daß die einzige Tür, die offensteht, nur in die Abstellkammer führt.