Ihr jüngstes Buch heißt "Retour à Berlin", und Richard von Weizsäcker hat diese leichthändig eleganten, tastenden Notate aus dem Jahr 1997 in der ZEIT zu Recht gelobt. Wir sitzen der Autorin Brigitte Sauzay nicht in Paris, nicht in Bonn, sondern eben in Berlin gegenüber. Draußen lärmt die Christopher Street Day Parade über den Ku'damm. Ein Seitenblick, "tiens, tiens, der Mann da ist nackt. Oder beinahe", entfährt es der feingliedrigen, wie immer so lebhaften Pariserin. In ihr Erstaunen mischt sich leise Empörung: "Warum heißt diese Parade der Schwulen und Lesben eigentlich auch in Berlin ganz amerikanisch Christopher Street Day Parade?"

Da ist er wieder, der Verdacht: "Die Deutschen", und sie sagt das wirklich so ungeniert pauschal, so politically incorrect, als gäbe es da keine Unterschiede zwischen Nord und Süd, Ost und West, mir und dir "die Deutschen sollten zu einer Identität, einer deutschen Identität, zurückfinden. Statt dessen lassen sie sich einfach treiben in der Strömung eines globalisierten Ozeans."

Brigitte Sauzay beobachtet diese Deutschen seit Jahrzehnten, anfangs als Studentin in Freiburg, dann als Dolmetscherin der französischen Präsidenten von Georges Pompidou bis François Mitterrand, eine so fein- wie eigensinnige Gesprächspartnerin in deutsch-französischen Zirkeln. Ihr erstes Buch "Die rätselhaften Deutschen", im Original "Le vertige allemand", "Der deutsche Taumel", erboste 1985 viele deutsche Leser und unter ihnen nicht nur die Ökopaxe, die sich von diesem polemischen Essay getroffen fühlen mußten. Auch damals bestand die Autorin darauf, ein neues Deutschland sei ohne Hinwendung zu historischen Wurzeln (oder was Sauzay dafür hielt) nicht zu schaffen.

Jetzt will Gerhard Schröder die Französin für den Fall seines Wahlsieges zur Kanzlerberaterin machen diese Woche möchte er das bekanntgeben, nach seinem Besuch beim sozialistischen Premierminister Lionel Jospin. Der Niedersachse hat vom nachbarschaftlichen Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen und dessen europäischer Dimension noch wenig Ahnung. Will er Brigitte Sauzay deshalb als Beraterin im Bonn-Berliner Machtzentrum sehen? Seine regionale Prägung, sein Stich ins Nationale jedenfalls schreckt Brigitte Sauzay nicht, im Gegenteil: endlich einer, der sich als Deutscher bekennt.

Die nächste Nähe zur Macht ist für diese stets elegante Pariserin nichts Neues. Meine Gazette nannte François Mitterrand seine Lieblingsdolmetscherin.

Bald schon sollte sie ihm nicht nur die Worte eines Helmut Kohl übersetzen, sondern die ganze Kultur der Deutschen deuten. Der Präsident besuchte - solche Gesten kamen bei Mitterrand nie von ungefähr - seine Beraterin und ihre kinderreiche Familie im provenzalischen Ferienhaus der Sauzays. Bis heute verhehlt sie nicht ihre Bewunderung für diesen Politiker, für den sie vierzehn Jahre lang arbeitete, bis in die letzten Augenblicke seines Lebens, als er mit ihrer Hilfe sein politisches Testament über Deutschland und Frankreich redigierte.

Vermutlich war der Respekt für den Verstorbenen zu groß, jedenfalls zog sich die Chefdolmetscherin des Quai d'Orsay, des Pariser Außenministeriums, nach Mitterrands Tod von den Gipfeln der Großen etwas zurück, am liebsten auf das unter dem SED-Regime arg ramponierte Schloß Genshagen südlich von Berlin.