Eine Stimme jenseits der Leidenschaft: nasal, dünn, weich und feminin.

Sentiment ist ihr verdächtig. Aus ironischer Distanz scheint sie die Gefühle zu betrachten. Notierend, protokollierend, modellierend. Sie zeichnet die Fieberkurven der Emotion nach, ohne sich verstricken zu lassen.

Eine Stimme als verwischte Präsenz - out of focus - im Zentrum eines brasilianischen Karnevals mit Candomblé-Rhythmen, sanft schwingenden Samba-Akkorden, cool hingehauchten Klaviertönen und den Geheimbotschaften der heiligen Atabaque- und Agogo-Trommeln. Noch gelingt es, ein Drama der Abwesenheit in der Fülle aufzuführen, doch der SertÆo ist nahe, jenes unwegsame Waldgebiet, in dem die Mythen lauern und schwarze Götter den Verstand bedrohen. "Ich höre einen Klang", singt die Stimme, "doch der Klang verliert sich in Tropfen." Auf seiner neuen Platte "Noon Chill" (Ryko Disc) hat Arto Lindsay das Widerspiel von Zauber und Verderben, von Schönheit und Gefahr in halluzinatorischen Klangbildern eingefangen: im Flug erhaschte Töne, die am Hörer vorbeigleiten wie Silhouetten. "Die schönsten Melodien", sagt Lindsay, "sind zugleich die erbarmungslosesten und verletzendsten." Und die scheinbar ausdrucksärmsten und teilnahmslosesten Stimmen oft die, die am meisten berühren, weil sich in ihrem Mangel die unmögliche Sehnsucht nach dem Ganzen am deutlichsten offenbart.

Arto Lindsay, als Sohn amerikanischer Missionare im Norden Brasiliens aufgewachsen und Ende der siebziger Jahre in New York als "King of Skronk", als schreddernder Lärmpoet an der Gitarre, zu Underground-Ruhm gekommen, hat lange gebraucht, bis er die nördliche und die südliche Seite seines Wesens so vollendet in Einklang bringen konnte. Zu Beginn ging es mit Bands wie DNA oder den Lounge Lizards um die Magie des Krachs, um Klangfarbenmelodien bei voll aufgedrehtem Verstärker, um die Zärtlichkeit der Stromstöße. Eine neue Grammatik der Musik wurde entwickelt, ein Stottern aus Intensitätsschüben und Generalpausen. Aggregate des Exzesses. Später, mit den Ambitious Lovers, träumte sich Arto Lindsay in ein imaginäres Brasilien seiner Erinnerung und stampfte mit den Füßen dazu den Funk des Großstadtpflasters. Eine stabile Karriere ließ sich darauf nicht gründen. Der New Yorker reiste lieber im eigenen Kopf als im Kleintransporter durchs ganze Land, um Konzerte zu geben und eine Fangemeinde aufzubauen. In den neunziger Jahren trat er freiwillig in die zweite Reihe, wurde Produzent, Klanglieferant von Tanztheatern, Übersetzer, Installationskünstler. Eine Phase des Kräftesammelns für einen neuerlichen großen Auftritt.

Dann, vor zwei Jahren, die Stunde Null: Die CD "O Corpo sutil" erscheint, die erste, auf der groß nur der Name Arto Lindsay steht. Ein Mosaik aus Kindheitsmustern, von allen Schrecken und Häßlichkeiten gereinigt. Der zarte, faltenlose Klangkörper, die behauptete Unschuld. Ein sanfter Akkord der akustischen Gitarre, das Zirpen einer Grille, viel Raum zwischen den Tönen.

Lindsay gönnt sich den Luxus, noch einmal von vorn anzufangen und die Wunden und Abgründe seiner Künstlerbiographie beiseite zu schieben.

"O Corpo Sutil" ist der Bauplan für die künstlerischen Konstruktionen der nächsten Jahre: ein imaginäres Brasilien als Zentrum und Basislager für Quergänge in andere Kulturen und Gefühlswelten. Bei der CD "Hyper Civilizado" gibt Arto Lindsay seine Songs in die Hände von New Yorker DJs und Remixers, die Randnotizen anbringen und das Private in ein kollektives Netz weben. Zwei Jahre der Skizzen und Entwürfe, um schließlich ein Meisterwerk hervorzubringen: "Noon Chill". Noch immer ist der subtile Körper zu spüren, doch er wird auf unterschiedlichste Weise eingekleidet. Brasilianische Trommelgruppen verwandeln sich in Drum-and-Bass-Polyrhythmen, freundliche Melodien werden durch diffuse Elektrosphären im Hintergrund mit einem bedrohlichen Geheimtext ausgestattet, folkloristische Zitate verführen zur Identifikation und werden dann so abrupt weggemischt, daß der Hörer mit seinem Gefühl ins Leere stürzt.