Es gibt keine gemäßigten Islamisten", sagte mir der algerische Protestsänger Lounés Matoub, als ich ihn in seinem Heimatdorf Beni Doual in den Bergen der Kabylei besuchte, "ebensowenig wie es gemäßigte Terroristen gibt." Und er brachte die Angst zum Ausdruck, Algeriens heruntergewirtschaftetes Regime könne, um seine Privilegien zu retten, einen faulen Kompromiß schließen mit den Islamisten - auf Kosten der Demokraten, die in Algerien eine von Ausrottung bedrohte Minderheit sind. "In einem islamischen Gottesstaat ist für Protestsänger wie mich kein Platz, weil jede weltliche Musik als haram, Sünde, gilt."

Das war Mitte Februar dieses Jahres, und schon damals war Lounés Matoub zwei Tode gestorben am 9. Oktober 1988, als er von einer Polizeipatrouille beim Verteilen von Flugblättern erwischt und mit gezielten Schüssen niedergestreckt wurde, und am 25. September 1994, als er, von Fundamentalisten entführt, wochenlang in einem feuchten Erdloch auf die Hinrichtung wartete. Nur durch Massenproteste der aufgebrachten Bevölkerung kam Lounés Matoub wieder frei. Aber obwohl er nur noch bewaffnet vor die Tür ging und sein Haus einer Festung glich, hat die Fatwa ihn am letzten Donnerstag eingeholt: Auf der Heimfahrt von der Provinzhauptstadt Tizi Ouzou wurde er an einer vorgetäuschten Straßensperre von Kugeln durchsiebt.

Nicht nur der Kampf der Kabylen um Anerkennung ihrer Kultur, auch die Demokratiebewegung Algeriens hat durch den heimtückischen Mord einen schweren Rückschlag erlitten. Die Bevölkerung macht das Militärregime, dem das Autonomiebestreben der Kabylen schon lange ein Dorn im Auge ist, für die Tat verantwortlich. Für eine solche Schuldzuweisung gibt es keinen Beweis, höchstens ein Indiz. Ab 5. Juli wird Arabisch offiziell zur Staatssprache erhoben: für die berberstämmige Bevölkerung, die sich ebenso gegen die Islamisierung wie gegen die Kolonisierung Algeriens gewehrt hat, eine Fremdsprache, Ausdruck ungeliebter Fremdherrschaft. Der Berberdialekt Tanazight, in dem Lounés Matoub seine Lieder sang, bleibt fortan aus dem öffentlichen Leben verbannt. Das Militärregime gibt damit dem Druck "gemäßigter" Islamisten nach, die einen Gottesstaat wie im Iran oder Sudan nicht herbeibomben, sondern auf kaltem Weg herbeiführen wollen ihr terroristischer Flügel (GIA und FIS) hat seit über zwei Jahren keine Fatwa gegen Künstler und Intellektuelle mehr vollstreckt. Die Appeasementpolitik der Regierung, die den Islamisten mit einer Hand gewährt, was sie ihnen mit der anderen verwehrt, ist ein zweischneidiges Schwert: Die erzwungene Arabisierung eröffnet eine zweite Front im algerischen Bürgerkrieg. Ein Sprachenstreit ist das letzte, was das vom Bruderzwist zerrissene Algerien braucht, und die fundamentalistischen Geister, die sie rief, wird die Regierung nicht mehr los.

Zehntausende gaben Lounés Matoub in seinem Heimatdorf Beni Doual das letzte Geleit. Schon vorher hatten jugendliche Demonstranten in der Provinzhauptstadt Tizi Ouzou alle arabischen Inschriften von Behörden und öffentlichen Gebäuden entfernt zwei von ihnen kamen ums Leben beim Einsatz der Polizei, der die Wiederherstellung der Ordnung erst nach zwei Tagen gelang.