Nach Bruce Chatwins frühem Tod ist der Engländer Redmond O'Hanlon die Nummer eins unter den Reiseschriftstellern. Wer daran zweifelt, sollte sein neues Buch "Kongofieber" lesen.

Schon der Auftakt der Reise ist ganz nach seinem Geschmack. In Brazzaville prophezeit eine berühmte féticheuse O'Hanlon und seinem amerikanischen Begleiter Lary, daß derjenige von ihnen, der länger als zwei Monate im Kongo bleibt, sterben wird. O'Hanlon will ein halbes Jahr bleiben, koste es, was es wolle. Marcellin Agnagna, der oberste Tierschützer der Volksrepublik Kongo, und seine Brüder sind die Gefährten. Ziel der kleinen Expedition ist Lac Télé im äußersten, kaum erforschten Norden, wo Mokélé-mbembé hausen soll, der letzte lebende Kongodinosaurier.

Sie reisen mit dem Tod. Das lernen sie bereits auf den ersten Kilometern ihrer Kongofahrt. Tausende von Menschen - Familien, alte Leute, Händler - haben Einbäume, Flöße und andere Wasserfahrzeuge an ihren Dampfer gehängt und lassen sich flußaufwärts mitschleppen. Zu einem hohen Preis: Hilflos müssen die Reisenden zusehen, wie etliche Boat people in den Fluten ertrinken.

Sie reisen ins Herz der Finsternis. Wie in Joseph Conrads berühmter Erzählung dreht sich immer noch fast alles um Elfenbein, (Post-)Kolonialismus und magische Macht. Doch "Kongofieber" liest sich nicht als Wiederholung, sondern als Kontrafaktur zu Conrads Kongo-Geschichte. O'Hanlon verwandelt sie in einen Text von unerschrockener Heiterkeit und grandioser Lebenslust.

"Kongofieber" ist ein komisches Buch. Sein Held klappert unter Malariaanfällen, Freund Lary schwillt die Schwarte unter Hunderten Bienenstichen, offene Geschwüre machen jeden Schritt zur Qual, die Drohungen eines erzürnten Magiers lähmen die Mannschaft - all dies beschreibt O'Hanlon mit der Begeisterung eines Surrealisten, dem der Urwald endlich den nicht endenden wahnwitzigen Traum geschenkt hat.

Nicht der Weg zum verborgenen See Lac Télé ist das Ziel, sondern seine Beschreibung. Die mit wachsender Reisedauer und Erschöpfung immer undurchschaubarer werdende Dschungelwirklichkeit bannt O'Hanlon in einem Stakkato abstruser Dialoge. Das Gespräch am Lagerfeuer, im Western retardierende Besinnungspause vor dem Kampf, wird bei O'Hanlon ein unablässiges Geschnatter halb verrückter Männer, das um wenige Konstanten kreist: die Zauberei, die Urwaldtiere, die Mädchen und das Geld. Weder die Schweißbienen, die sich zu Hunderten in die Hautfalten setzen, noch mythische Ungeheuer wie der Zoko, der mal als Gorilla und mal als Waran auftritt, verhindern, daß O'Hanlon eines Tages Lac Télé erreicht. Hier stellt sich heraus, daß der Kongosaurier der gleichen Welt angehört wie der Zoko. Gerade denjenigen, die an ihn glauben, zeigt er sich nicht.

Im Kongo regiert das magische Gesetz der Vertauschung. Nichts ist, was es scheint. Selbst die Orte und Dinge haben mehrere Namen. Wissenschaft, Magie - was zählt? Marcellin, der schwarze Wissenschaftler mit Ausbildung in Paris und Kuba, zittert vor Orten, an denen Zauberer wie sein Onkel Dokou eine unbestimmbare Macht ausüben. O'Hanlon vertraut dem Fetisch, den ihm der Onkel gab, und alle setzen auf die Unerschöpflichkeit seiner Geldtasche.