Ein ganz in Blau gekleidetes Mitglied des Wachpersonals bringt den Kunden zu einer freundlichen Dame. Ein paar Formulare werden ausgefüllt. Dann nimmt sich einer der mehr als drei Dutzend Finanz- und Arbeitsplaner von Employment Solutions der Klienten an. Früher entschieden sie, ob die Kunden - meist junge Frauen - fortan einen monatlichen Scheck vom Staat bekommen. Heute helfen sie bei der Suche nach einem Job.

Seit September 1997 ist Employment Solutions in Milwaukee an die Stelle des örtlichen Sozialamts getreten. Das Unternehmen, die selbständige, profitorientierte Tochter eines gemeinnützigen Vereins, ist Teil eines weitreichenden Experiments, das in Wisconsin den Wohlfahrtsstaat radikal verändern soll. Sozialhilfe wurde durch Arbeit ersetzt. "Wer arbeiten kann", beschreibt William Martin, der junge, engagierte Chef von Employment Solutions, die neue Doktrin, "der wird zur Arbeit verpflichtet."

Dieses Prinzip gilt inzwischen fast überall in Amerika. Seit Bill Clinton 1996 ein Gesetz zur Reform der Sozialhilfe unterschrieb und den Bund aus seiner Verpflichtung zur Hilfe für die Armen des Landes entließ, haben nur noch die wenigsten bedürftigen Bürger der Vereinigten Staaten ein verbrieftes Recht auf finanzielle Unterstützung vom Staat. Sozialhilfe, die seit jeher vor allem an ledige Mütter ging, wurde auf zwei Jahre begrenzt - und praktisch ohne Ausnahme vom Wohlverhalten und Arbeitswillen der mittellosen Klientel abhängig gemacht.

Kein Bundesstaat ging bei der Reform allerdings weiter als Wisconsin, das Sozialhilfe vollständig abschaffte und durch ein Programm ersetzt hat, das Wisconsin Works heißt: Wisconsin arbeitet. In Milwaukee, dem ärmsten Teil des Staates, wurde die Organisation des Programms überdies in private Hände gelegt. Die Sozialbehörde entscheidet nur noch über die Vergabe von Lebensmittelmarken und die Krankenfürsorge für arme Bürger. Ansonsten haben Employment Solutions, der Christliche Verein Junger Frauen (YWCA) und drei weitere Firmen das Sagen. "Wir brauchen neue Ideen, neue Methoden und einen besseren Service für unsere Klienten", begründet Ralph Hollmon, einer der Organisatoren der neuen Struktur, den Einsatz der Privatunternehmen.

Erste Ergebnisse können sich sehen lassen. Landesweit ging 1997 die Zahl der Familien, die Geld vom Staat bekommt, um achtzehn Prozent zurück. In Wisconsin, das vor zehn Jahren noch 100 000 Mütter und Kinder auf Sozialhilfe zählte, erhalten jetzt nur noch 15 000 Familien eine öffentliche Unterstützung. Suppenküchen und Obdachlosenheime in Milwaukee registrierten zwar mehr Betrieb, aber die düstere Prognose des demokratischen Senators Patrick Moynihan aus New York ist - bisher jedenfalls - nicht eingetroffen.

Moynihan hatte vor zwei Jahren vor bitterer Armut, Elend und steigender Obdachlosigkeit in Amerika gewarnt. Statt dessen sagt heute John Norquist, Milwaukees demokratischer Bürgermeister: "Die Einkommen der Ärmsten sind höher, die Zahl der Arbeitenden ist gewachsen."

Teilweise liegt das an der gut laufenden Wirtschaft. Im Kreis Milwaukee ist die Arbeitslosenrate auf etwa drei, in der Stadt sogar auf zwei Prozent gesunken. Dutzende Milliarden Dollar fließen aus Washingtoner Kassen an die Bundesstaaten und machen es dort Behörden und Parlamenten leichter, wirksame Reformen durchzusetzen. Aber ohne Zwang würden viele ehemalige Sozialhilfeempfänger heute noch von der Stütze leben. "Wisconsin Works hat mein Leben verändert" , sagt Octavia Montgomery, die zwei Jahre Sozialhilfe bezog. Jeden Morgen um sieben macht sich die 23jährige in ihrer heruntergekommenen Wohnung im Norden Milwaukees auf den Weg. Um acht beginnt sie bei Employment Solutions als eine der blaugekleideten Wachfrauen. "Ohne Druck würde ich nicht arbeiten", gibt Octavia freimütig zu.