Wenn der Philosoph Azmi Bishara an diesem Donnerstag am Berliner Wissenschaftskolleg die Ernst-Reuter-Rede hält, schließt sich für den 42jährigen Palästinenser mit israelischem Paß auch ein persönlicher Kreis.

1980 war er als junger Mann für fünf Jahre nach Ost-Berlin gegangen, um dort an der Humboldt-Universität zu studieren. Damals gehörte er noch der kommunistischen Partei an, aber der kritische Instinkt, auf dem sein heutiger Ruf beruht, war bereits hellwach. "Ich bin mit Fragen hingefahren, und mein Verdacht hat sich bestätigt", sagt Bishara heute. Er habe den Zerfall des DDR-Systems vorausgesehen, denn "sogar die Sicherheitsleute haben ihr Land nach dem zweiten Bier nicht mehr verteidigt. Das waren alle Zyniker."

Prägend wirkten damals die Begegnungen mit anderen Zweiflern, darunter sogar Marxismus-Leninismus-Professoren, die den Studenten andere Bücher gaben als vorgeschrieben. Durch sie lernte er, jedes ideologische Tabu in Frage zu stellen.

Nach seiner Rückkehr aus der DDR lehrte Azmi Bishara an der Bir-Zeit-Universität in der West Bank. Seine intellektuellen Fähigkeiten haben ihn längst zu einer ebenso prominenten wie unbequemen Figur gemacht - bei den Israelis wie bei den Palästinensern. Gerade hat ein Interview mit der hebräischen Tageszeitung Ha'aretz wieder einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Bishara legte dort seine politische Kernthese noch einmal ausführlich dar: Wenn Israel demokratisch bleiben wolle, könne es auf Dauer kein jüdischer Staat bleiben, sondern müsse zu einem Staat aller seiner Bürger werden. Immerhin leben hier knapp eine Million arabischer Bürger, achtzehn Prozent der Bevölkerung, die zwar alle israelische Pässe besitzen, aber in vielen Bereichen spürbar benachteiligt werden. Weder der Davidstern auf der Flagge noch die jüdische Nationalhymne Tikwa schließen ihre Identität mit ein.

Bishara plädiert deshalb - wie übrigens schon jüdische Intellektuelle an der Hebräischen Universität in Jerusalem in den zwanziger und dreißiger Jahren - für die Errichtung eines binationalen Staates für Juden und Araber. Ein eigener Palästinenserstaat in West Bank und Gaza-Streifen wäre für ihn nur eine Übergangslösung. In seinem Büro in seiner Heimatstadt Nazareth sagt er: "Ich meine einen echten Palästinenserstaat und kein Bantustan, wie es jetzt einigen Israelis vorschwebt. Aber die beiden Staaten könnten doch zusammenarbeiten - entweder in einer Föderation oder in einer Konföderation."

Der Abgeordnete, der vor zwei Jahren im Rahmen eines linken Wahlbündnisses mit einer eigenen Liste (Balad) in die Knesset gewählt wurde, setzt sich auch für eine umfassende Lösung der seit einem halben Jahrhundert schwelenden palästinensischen Flüchtlingsfrage ein. "Ohne die Rückkehr dieser Leute, die überall noch in den Lagern ausharren, wird hier nichts vorangehen."

So radikale Formulierungen würde kaum ein PLO-Politiker im Umkreis von Jassir Arafat wagen. Denn dort weiß man, daß offensive Fragen nach dem Schicksal der Flüchtlinge oder nach der Legitimation eines ausschließlich jüdischen Staates die Israelis nicht kompromißbereiter stimmen werden. Für Bishara dagegen ist das Attribut "radikal" ein "positiver Begriff" - solange sich damit weder Fanatismus noch Extremismus verbindet.