Schon einmal etwas von "Konkupiszenz" gehört? Selbst wenn man den Begriff im Großen Brockhaus nachschlägt, wird einem nicht auf den ersten Blick klar, welche geistesgeschichtliche Brisanz ihm innewohnt. Dort steht immerhin soviel: "(spätlat. >heftiges Verlangen<, >Begierde<, die, -, christl.Theologie: Bez. für die Triebhaftigkeit (>Begierlichkeit<) des Menschen und seinen Hang zu fehlerhaftem Verhalten als Folge der Erbsünde."

Und dennoch spielt dieses geheimnisvolle Wörtlein, das schöner klingt als klar, eine entscheidende Rolle in einer Kontroverse von - ungelogen ! -

weltweiter Bedeutung. Und zwar in einer Kontroverse, die seit über 400 Jahren andauert und die nun, nach einem strengen Wort aus Rom, gute Aussichten hat, nochmals einige hundert Jahre anzudauern.

Ein wenig prosaischer: Der Vatikan hat in der vorigen Woche in kategorischer Strenge den Versuch einer Quadratur des Kreises durchkreuzt. Bei diesem Experiment ging es um die Absicht, die theologisch-dogmatischen Differenzen zwischen der römisch-katholischen Weltkirche einerseits und den über die ganze Welt verstreuten lutherischen Kirchen andererseits mit einem Kompromißpapier zu harmonisieren - mit einem Papier, das unter der Bezeichnung "Gemeinsame Erklärung zu Fragen der Rechtfertigungslehre" seit einem Jahr zu heftigen Debatten auch im deutschen Protestantismus geführt hat (vgl. ZEIT Nr. 6/98).

Während die lutherischen Landeskirchen sich in den vergangenen Monaten nach viel Muh und Mäh oder, wie es ein lutherischer Bischof formulierte: mit Freude und Bauchschmerzen, also mit vielen Vorbehalten dem Projekt anbequemten, hat der Vatikan nun dem Kompromiß kurz und bündig die Grundlage entzogen. Dabei äußerte sich Rom in jener imponierend imperialen Eindeutigkeit, die den Protestanten immer wieder ein neidvolles Staunen abnötigt - bei allem Bauchschmerz, den sie über einer solchen Zurechtweisung empfinden. Das glasklare njet wurde zudem diplomatisch so geschickt serviert, daß die meisten Nachrichtenagenturen zunächst sogar ein Ja aus Rom zu vermelden wußten.

Dieses jüngste Votum wird erhebliche Konsequenzen haben: im Verhältnis der Konfessionen zueinander, innerhalb der Konfessionen, zwischen dem Vatikan und den deutschen Katholiken - um einige wesentliche Aspekte nur zu nennen. Wie es bei so vielen Brettspielen heißt: Gehe zurück auf das erste Feld! Im Grunde wurde das theologische Gespräch zwischen der katholische Kirche und den Kirchen der Reformation zurückgeworfen auf den Stand des Trienter Konzils (1545-1563), also auf den Status nach Reformation und Gegenreformation

und der Einschnitt könnte sich also so schroff erweisen wie der nach den Dekreten des I. Vatikanischen Konzils (1869/70).