Es war im Sommer 1738, da hockte der Londoner Opernunternehmer Georg Friedrich Händel über seiner Buchhaltung und mußte sich betrübliche Fragen stellen: Was ist mit meiner Kundschaft los? Warum bestellen die Abonnenten so zaghaft? Und warum laufen mir die italienischen Gesangsstars weg? Was hat die Konkurrenz, das ich nicht habe?

Händel, dieses genialische Chamäleon unter den Pragmatikern der Operngeschichte, war damals nicht weinerlich, geschweige denn gelähmt, obgleich er die Pläne für eine ganze Saison einstampfen mußte. Er holte ein Libretto von Charles Jennens für ein Oratorium hervor, bei dem nichts schiefgehen konnte. Mit der biblischen Geschichte von König Saul konnte man Staat machen. Sie war in jedermanns Munde, sättigte die allgemeine Schauderlust auf heftige Konflikte, auf böse Gesinnung - und flog in einer Kurve dahin, die man fatalistisch nennen möchte. Kein Ausweg, nirgends. Am Ende haben blinder Haß und mißglückte Attentate auf den Tausendsassa David den umdüsterten Monarchen Saul derart kirre gemacht, daß er den einzig noch berechenbaren Mord begeht und sich in seinen Speer stürzt.

Angesichts solcher Aktenlage hatte Händel keine Wahl, er mußte doch wieder eine Oper schreiben - freilich als Oratorium getarnt. Mehr noch: "Saul" wurde ein effektvoller und weitläufiger Erlebnispark der Barockmusik. Neue, ungewohnte Klänge, so dachte Händel, brauchten Land, Kunst und Saul. Er bestellte sogar ein Carillon und zwei gigantische Kesselpauken aus dem Tower.

Händel ließ keine Gelegenheit aus, die Zweifel an seiner Kompetenz zu bannen.

250 Jahre später kann auch von Selbstzweifeln Händels keine Rede sein. In der feinen Aufnahme mit exzellenten Solisten, dem prächtigen Kölner Kammerchor und dem Collegium Cartusianum unter Peter Neumann (Dabringhaus & Grimm, 3 CDs 332 0801 Vertrieb: Naxos) beweist "Saul", daß Not erfinderisch machen kann.

Neumann setzt den nimmermüden Aufwand auf die Waage dramaturgischer Balance und holt mit Feinsinn einen Händel at his best heraus: Ziselierarbeiten und chorisches Feuer, private seelische Schwingungen und weltgültige Dimension.

Ein Königsdrama. Der blutrote Teppich zu Verdis "Macbeth" - hier wurde er geknüpft.