In der verbliebenen kleinen Gemeinde der akademischen Linken ist er "der Oskar", nicht Lafontaine. Seit dreißig Jahren ist er aus deren Diskussionsnetzen nicht wegzudenken. In dieser Zeitspanne wurde der Adorno-Schüler Oskar Negt - heute lehrt er in Hannover - zu einer zentralen Gestalt im philosophisch-politischen Diskurs um Kontinuität und Bruch, Anpassung und Widerstand, Pädagogik und Politik. Daß neulich der heutige sozialdemokratische Kanzlerkandidat mit Jürgen Habermas öffentlich zu diskutieren versucht hat - in Berlin, was für die Stadt standortpolitisch ein wenig hoffen läßt -, ist zu Recht aufgefallen. Daß an der Debatte auch Oskar Negt teilnahm, wirkte daneben weniger sensationell. Schließlich gelten Gerhard Schröder und der Denker in Hannover seit längerem als Gesprächspartner. Darauf sind Schröders Leute übrigens irgendwie stolz, was ja auch einen kleinen und doch feinen Unterschied zum engen Milieu des Herausgeforderten markiert.

Nun hat dieser Oskar ein Buch zur Bundestagswahl verfaßt, sieben Argumente für die SPD, womit nicht unbedingt zu rechnen war. In der Berliner Habermas-Schröder-Diskussion stöhnte Negt denn auch öffentlich, daß ihm das nicht leichtgefallen sei. Er habe sich das Buch regelrecht "abgequält", aber was soll's. "Dauerhafte Opposition macht dumm", fügte er erläuternd hinzu, "nicht an die Macht kommen, das schärft nicht den Verstand und verengt die Perspektive." Er muß die SPD genau studiert haben.

Gequält wirkt der Text keineswegs, im Gegenteil: Es ist ein sehr ernsthaftes, spannendes Bekenntnisbuch, für das ein wenig jenes andere Buch als Anreger wirkte, in dem Martin Walser 1961 zwanzig Autoren versammelt hatte: "Die Alternative oder Brauchen wir eine neue Regierung?". Damals ging es um das Ende der Ära Adenauer, jetzt obwaltet der Überdruß an der bereits länger währenden Amtszeit Kohls. Gleichsam als Brücke zwischen den beiden Büchern zitiert Negt aus einem der damaligen Texte den historischen Seufzer Georg Christoph Lichtenbergs, eine willkommene Fundsache: "Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird aber soviel kann ich sagen: Es muß anders werden, wenn es gut werden soll."

Negts sieben Argumente für die Sozialdemokratie reichen vom Arbeitsmarkt über "Europa als kulturellem Raum" und Technologiefragen bis zu "Gerechtigkeit und Demokratie". Den Schwerpunkt setzt er eindeutig bei Bildung. Gerade in diesem Kapitel wird die zweite Ebene des Buchs deutlich, die weiter trägt als die eigentliche Wahlempfehlung: die Enttäuschung über Defizite, Versäumnisse und Kapitulationen der SPD seit dem Ende des Reformversuchs unter der Kanzlerschaft Brandts (1969-1974) und die Warnung vor einem sozialdemokratischen Weiter-so nach der Ablösung Kohls. Der Machtwechsel muß auch ein Politikwechsel sein, fordert Negt. Die Kontinuitätsversprechen Schröders sind ihm offenkundig nicht ganz geheuer.

Negt verlangt von der neuen Regierung nichts Geringeres als eine "zweite Bildungsreform". Auf der Prioritätenliste müsse dieses Projekt den gleichen Rang haben wie das "Bündnis für Arbeit". Das ist anspruchsvoll, der Lage der Republik durchaus angemessen und eine Aufforderung an den Kanzlerkandidaten, dessen bislang bekannteste bildungspolitische Einlassung seine Einschätzung der Lehrer und ihrer beruflicher Auslastung zum Inhalt hatte ("faule Säcke").

Ob Schröder auf den lehrenden Denker hört? Es wäre an der Zeit: Allzusehr bedient er noch seine "Bündnis"-Gebetsmühle, als käme aus ihr allein das Heil.

Diese politische Streitschrift für und an die SPD ist im Grunde konservativ, wenngleich nicht im Sinne der modischen Neu/alt-Trennung, die gelegentlich den Rechts/links- oder Gut/böse-Schematismus ablöst. Aber so wie sich "jenseits von links und rechts" heute ganz kuriose Bündnisse ergeben (auch ein Rechter wie Jörg Haider beruft sich auf Tony Blair), so lassen sich im Streit um gefährdete Werte - und um die Ursachen der Gefährdung - auch diesseits der Postmoderne Gemeinsamkeiten entdecken, die früher nicht sichtbar waren. Mit seiner Kritik der kulturellen Zerstörungen durch einen entfesselten Kapitalismus verbindet Negt heute mehr mit "journalistischen Arbeiten von Jeremy Rifkin, Viviane Forrester oder selbst Marion Gräfin Dönhoff" als mit denen von vielen Wissenschaftlern.