Berlin Einen Anlaß gibt es immerhin, um aus dem Fenster zu blicken: das Bremsgeräusch mit dem dumpfen Aufprall und dem Nachhall von klirrendem Glas - der Standardunfall an der Kreuzung Schützstraße/Kurfürstenstraße. Die Kollisionen, der abrupte Stillstand des fließenden Verkehrs, das sind hier die naturgesetzlichen Zäsuren einer städtischen Gegenwart, die nur noch im Dröhnen des immergleichen Verkehrsstroms gegenwärtig ist.

Der Blick aus dem Fenster, der Blick auf die autogerechte Stadt, auf die Utopie der sechziger Jahre - eine Szenerie, in der alle stadträumlichen Konturen und Kanten von der Erosionskraft des Verkehrsflusses abgeschliffen worden sind. So stehen die Bauten einer "phantasieverlassenen Steinbaukastenstadt" (Musil) spröde, in stumpfen Winkeln und konischen Abfaltungen zueinander. Was nimmt das Auge auf, wenn man hier ein Büro hat und nach draußen blickt? "Der Blick, der nichts mehr hält" davon spricht Rainer Maria Rilke in seinem berühmten Gedicht, das die depravierte Kreatur, den Panther hinter Gittern, beschwört. Hier ist es der Blick, den nichts mehr hält.

Es ist nicht das blicklose Auge der Melancholie, sondern die Melancholie des ausgeräumten Stadtraums, der keinen Widerstand mehr für das Auge bietet.

Meinem Fenster gegenüber liegt der neue Flankenbau des "Hotel Berlin": Granittapete ohne Schattentiefe, fünfmal zwanzig quadratische Fenster, darunter eine Reihe rechteckiger Fenster und im Erdgeschoß eine unentschlossene Arkadenreihe, aus Rentabilitätsgründen von minimaler Tiefe, so daß tatsächlich niemand durch die Arkaden geht.

Der Passant gehört zur aussterbenden Art. Hier wird nicht flaniert, hier wird Raum überwunden - wenn sich denn Raum selbst nicht vermeiden läßt. Daß der Flaneur ein Augenmensch ist, läßt sich bei den großen Stadtpoeten, sei es Franz Hessel oder Charles Baudelaire, nachlesen. Nicht der Augenmensch ist gewünscht, sondern der Verkehrsteilnehmer.

In nördlicher Richtung schließt sich an die Fassade des Hotels der Lützowplatz an. Die Erinnerungen an den historischen Stadtplatz sind getilgt.

Eine Art Abstandsgrün, ein Baumhain, Gestaltungsbemühungen, Skulpturen der brutalistischen Art, eine Bushaltestelle, Fußgängerpfade auf dem Grün, die polierte Wand des "Grand Hotel Esplanade" - es ist der Blick auf eine Brachfläche am Stadtausgang. Wäre hier die letzte Tankstelle vor der Autobahnauffahrt oder der Baumarkt auf der grünen Wiese, niemand würde sich wundern. Gegenüber steht eines der häßlichsten Gebäude Berlins, der Beitrag zur Internationalen Bauausstellung von Mathias Oswald Ungers, mit harter, die Passanten abweisenden Straßenfront aus Grauputz.