Sie sind Freundinnen. Mitglieder beide im kleinen Club der Alleinerzieherinnen, der sich über die Jahre in der Reihenhaussiedlung gebildet hat, auf diese fast schon natürliche Art, in der die Kinder der Sandkiste entwachsen und die Väter neuen Abenteuern entgegenstolpern. Sofern sie nach der Zeugung noch länger anwesend waren. "Man hat ja weiß Gott schon einiges miteinander erlebt", sagt Sylvia zerknirscht. Zwei Mütter von insgesamt drei Söhnen. Daß an diesem netten Frauenabend bei Sylvia das Thema Fußball aufkam, ist ihnen daher eigentlich nicht anzulasten. "Obwohl ich schon gar nicht mehr weiß, wie wir drauf gekommen sind", seufzt Mechthild mit allen Anzeichen eines Katers: Schuldgefühle, versetzt mit einer kleinen Prise Trotz.

Mechthild liebt Fußball vielleicht noch mehr als ihr Sohn. "Ich muß einfach gucken!" sagt sie, und man sieht, wie ihr Ärger sofort verfliegt beim Thema Ball, jedenfalls habe sie zu ihren Lebzeiten noch kein Spiel einer Weltmeisterschaft ausgelassen, kichert sie jetzt ausgelassen, zumindest kein Spiel der deutschen Nationalmannschaft. "Wenn ich mal einschalte, kann ich nicht mehr ausschalten", sagt Mechthild. "Ich weiß nicht, woran es liegt, ich finde es einfach toll. Es ist so wahnsinnig!"

Sylvia haßt Fußball. Ist jedenfalls nicht ihre Sache. Nein, es stimmt nicht, was Mechthild hinterher behauptete, daß Sylvia ihren Söhnen nach dem Auftritt der Hooligans in Lens ein Fußballfernsehverbot erteilt habe. Wahr ist: Sie hat sich dergestalt geäußert, daß die deutsche Nationalmannschaft eigentlich nach Hause gehöre, nachdem deutsche Schläger einen französischen Polizisten halbtot geprügelt hatten. Das hatte sie so auch schon am Tag zuvor ihren Söhnen gegenüber standhaft vertreten.

Mechthild sagt: "Die hat sich einfach total geärgert, daß ich gerne Fußball gucke. Aber ich lasse mir meinen Spaß nicht verderben."

Sylvia sagt: "Spaß? Wenn da einer fast totgeschlagen wird? Ich könnte da jedenfalls keinen Spaß haben."

Spanien hatte am frühen Abend wunderbar gespielt. 6 : 1 gegen Bulgarien. Für Mechthild hätte es ein herrlicher Abend werden können, tja, wenn Nigeria und Paraguay sich nicht unentschieden getrennt und Spanien dadurch den Einzug ins Achtelfinale vermasselt hätten. Die Spanier hatten geweint, vor der Kamera.

Man muß vermuten, daß Mechthild, die mal auf einer mallorquinischen Finca eine sehr glückliche Phase verlebt hatte, nach dieser Darbietung nicht gerade in bester Stimmung bei ihrer Freundin eingetroffen war. Wein, Kräcker, Salzstangen, die Seele verlangt nach mehr in einer solchen Situation. "Das klang jedenfalls so: Wir, die Deutschen, haben einen umgebracht, und jetzt müssen wir alle dafür büßen", sagt sie sauer.