Niccolò Machiavelli: Das Leben Castruccio Castracanis aus Lucca Aus dem Italienischen und mit einem Essay "Zur Ästhetik der Macht" herausgegeben von Dirk Hoeges Verlag C. H.Beck, München 1998 74 S., 20,- DM Machiavelli für Frauen" lautet der Titel eines feministischen Lebensratgebers, der derzeit auf dem Buchmarkt Erfolge feiert. Er will dem unterdrückten Geschlecht Hinweise vermitteln, wie frau ihre eigennützigen Absichten ohne moralische Hemmungen durchsetzen kann.

Niccolò Machiavelli (1469-1527) steht, wie man an dieser spielerischen Vereinnahmung seines Namens sieht, auch heute noch als Synonym für skrupellose Amoral. Seine 1513 geschriebene, aber erst 1532 erschienene Abhandlung "Il principe" ("Der Fürst") hat ihm über die Jahrhunderte den Ruf eines bösartigen politischen Ränkeschmiedes eingetragen. Nach wie vor scheinen die wenigsten zu wissen, daß Machiavelli ein humanistischer Universalgelehrter war, der nicht nur politische Analysen, sondern auch Komödien ("Mandragola") und Novellen geschrieben hat.

"Der Fürst" ist keine Anstiftung zur Gewaltherrschaft, sondern der Versuch einer genauen Beschreibung erfolgreicher Herrschaftstechniken. Machiavelli wollte damit einen potentiellen Befreier Italiens von der Fremdherrschaft französischer und deutscher Interessen mit strategischem Wissen ausstatten.

Sein zweites politisches Hauptwerk, die "Discorsi" (erschienen 1531), preist die Einrichtungen eines gutfunktionierenden republikanischen Staatswesens.

Denn Machiavelli hielt die republikanische Staatsverfassung für die beste aller möglichen politischen Formen.

Gemeinsam ist seinen Schriften der Impetus, eine illusionslose Darstellung des politischen Kräftespiels zu geben. Machiavelli behauptet keineswegs die Nichtigkeit ethischer Normen. Aber er erkennt, daß sie im politischen Leben in aller Regel keine Rolle spielen. Seine Botschaft ist nicht die rücksichtslose Liquidierung der Moral und ihre Ersetzung durch das Recht des Stärkeren. Er verlangt vielmehr, Moral und politische Praxis gedanklich streng voneinander zu trennen. Wenn die Handlungen eines Mächtigen mit ethischen Grundsätzen übereinstimmen, um so besser. Wenn sie aber seinen Zielen im Wege stehen, muß er sich, so Machiavelli, notwendigerweise gegen sie entscheiden. Wer das nicht einsieht, werde nie politisch handeln können.

Mit dieser Einsicht hat Machiavelli ein grundlegendes Prinzip neuzeitlichen Denkens vorformuliert: die Unterscheidung differenter gesellschaftlicher Wertsphären. Politisches Handeln und politische Herrschaft können nicht mehr aus den allumfassenden, statischen Normen christlicher Morallehre abgeleitet werden. Politik ist historischer Veränderung ausgesetzt, richtet sich nach konkreten, praktischen Erfahrungen und folgt ihrer eigenen Logik.