Vilnius/Berlin Über die Lage vor der Visaabteilung der deutschen Botschaft in Vilnius informiert täglich ein Radiosender. Und die Lage ist ernst. Besonders in den Sommermonaten sind tagelange Wartezeiten vor der deutschen Vertretung in der litauischen Hauptstadt nichts Ungewöhnliches, denn sie ist praktisch das einzige Nadelöhr für dreieinhalb Millionen Litauer in Richtung Westen.

Ob Urlaub in Spanien, Besuch der Fußball-WM in Frankreich oder Reise zum Gebrauchtwagenkauf ins Ruhrgebiet: Der Weg führt über die deutsche Botschaft.

Zwar gibt auch Frankreich als zweiter Schengen-Staat Visa aus, allerdings zu deutlich höheren Gebühren als die Deutschen. Auf diese Weise haben sich die Franzosen geschickt aus der Affäre gezogen.

140 000 Visa wurden 1997 in Vilnius ausgegeben. Doch Anstellen ist nicht das einzige Problem. Der Litauer, der in den Westen reisen möchte, benötigt auch eine Einladung. Darin muß ein Deutscher versprechen, für alle Kosten aufzukommen. Einschließlich möglicherweise entstehender Abschiebungskosten.

So erfahren die Litauer von ihrer drohenden Abschiebung aus der Bundesrepublik, bevor sie dort überhaupt eingereist sind. Nicht sehr höflich, aber nötig, mag man da einwenden. Schließlich sei Deutschland zu klein für Millionen von illegalen Billigarbeitern aus dem Osten, heißt es aus offiziellen Kreisen.

Andere Länder sehen diese Gefahr offenbar nicht. Die Skandinavier etwa: Sie gewähren den Balten längst visafreie Einreise. Genauso die Schweiz und Großbritannien. Innerhalb der Schengen-Staaten gilt die baltische Visafrage als deutsches Problem. Schließlich liegt Deutschland dem Baltikum am nächsten. Doch die deutsche Außenpolitik gegenüber der Region ist weitgehend auf Sicherheitspolitik reduziert. Geht es um die Abdichtung der baltischen Ostgrenzen oder die Einführung "fälschungssicherer" Ausweise, ist deutsche Hilfe gewiß. Einreiseerleichterungen passen zu solch einer ängstlichen Haltung natürlich nicht.

Die drei baltischen Staaten hätten allen Grund, sich über die deutsche Haltung zu beschweren. Deutschland, das sie vor sechzig Jahren am Molotowschen/Ribbentropschen Kartentisch an die Sowjetunion verhökerte, sperrt sich heute gegen bürokratische Erleichterungen. Statt dessen kommen aus Bonn und Brüssel immer neue Forderungen, die angeblich dem gewünschten EU-Beitritt dienen. Doch Estland, Lettland und Litauen erfüllen sie alle.