Versklavt

Der Trick ist so alt, daß man ihn schon in "Tom Sawyer" findet. Tom wird dazu verdonnert, einen Zaun zu streichen. Doch der Knabe ist so faul wie gewitzt: Seinen Kumpanen verkauft er die Strafaktion als große Auszeichnung und macht sie neidisch. Am Ende streichen sie den Zaun und zahlen dafür auch noch ordentlich.

In der Reisebranche müssen sich einige Manager an das Buch erinnert haben.

Anders sind ein paar Inklusivangebote für Leidensbereite nicht zu erklären.

Eine Gemeinde im Bayerischen Wald preist "Schwerstarbeit im Steinbruch" als "Bewährungsprobe für Aktivurlauber" an. Was für ein Vergnügen: ab sieben Uhr morgens Granit zu spalten, Sprenglöcher zu bohren und Pflastersteine zu quetschen, vermutlich für die Instandsetzung einer Fußgängerzone. Als Trost hält der örtliche Apotheker jede Menge Heftpflaster bereit. Arbeit im Steinbruch - früher war so was Sträflingen vorbehalten.

Auch das Torfstechen gehört nicht unbedingt zu den Dingen, die wirklich Spaß machen. Clevere Tourismusstrategen übersetzen diesen Befund vermutlich in "eine echte Herausforderung für Hartgesottene" und lassen Besuchergruppen in Meppen die Mühen emsländischer Moorarbeiter am eigenen Leib verspüren. Als Lohn der Schufterei winkt eine deftige Mahlzeit und ein wertvolles "Torfstecher-Diplom", das den Berufseinsteigern in dieser Branche sicherlich viele Türen öffnet.

Schließlich will man auch in Österreich von der Arbeitswut der Reisenden profitieren, die am traditionellen "Flachs-Brecheln in Bramberg" teilnehmen.

Für die "schwere, staubige Arbeit" wurde früher "nachbarliche Hilfe erbeten, um an einem Tag fertig zu werden" - heute beutet man Touristen aus, die auf der Suche nach ihren bäuerlichen Wurzeln sind.

Versklavt

Das Konzept ist längst noch nicht ausgereizt: Wo bleibt der ländliche Marketingexperte, der für das Gemeinschaftserlebnis Apfelernte wirbt?

Spargelstechen als Selbsterfahrung? Weinlese für Frauen? Tantrisches Unkrautjäten? Pflügen für den Frieden? Beim nächsten Oderhochwasser kann die Bundeswehr in der Kaserne bleiben, denn die Deichbautouristen rücken in Massen an. Auch in der Industrie wäre sicher Platz für fleißige Erfahrungsurlauber, die am Band stehen und Autos montieren. Etwa nach dem Motto: "Golf bauen statt Golf spielen".

Nicht mit uns! Wir werden zwar auch dieses Jahr wieder aufs Land fahren, aber sicherlich kein Arrangement buchen, das uns einer nur notdürftig kaschierten Sklaverei unterwirft. Statt dessen: irgendwo im Grünen liegen, den Blick unverwandt auf den fleißigen Landmann gerichtet, der noch in der rotgoldenen Abendsonne tapfer mit seinen Lieben zur Heumahd antritt. Unsereins schlürft währenddessen in verdienter Faulheit ein kühles Getränk. Wir haben schließlich Urlaub.