Die verheißungsvollen Mysterien einer literaturwissenschaftlichen "Hedonistik", einer Lustlehre, die Literatur und Wissenschaft lustvoll vereinigt, suchte man in Fachbibliotheken bisher vergeblich. Die Literatur hatte es zwar nach den vielzitierten Versen des Horaz neben dem "Nützlichen" auch mit dem "Erfreulichen", wenn nicht dem "Süßen" zu tun. Ja, manchmal wurde sogar das "Vergnügen an tragischen Gegenständen" gesucht. Aber mußte denn das gleich auf eine Erregung von Lust hinauslaufen? Nein, "ernst ist das Leben, und ernst ist auch die Kunst", sagt die seriöse Literaturwissenschaft mit ihrem Heroen Friedrich Schiller.

Der Leser kennt die Geschichte. Die Lustfeindlichkeit der christlich-asketischen Moral hat sich mit einer idealistischen Ästhetik verbunden. Sie war ihre Fortsetzung mit künstlerischen Mitteln und konnte bruchlos, das wird meist übersehen, in den puristischen Ästhetizismus der Moderne übergehen. Als schön galt, was ohne Interesse gefiel - eine Kastratenästhetik. So definierte sich die "hohe Literatur" durch ihre Erden- und eben ihre Lustferne. Dazu kam die professionelle Lustlosigkeit der Literaturwissenschaft, die angesichts der Irrationalität ihrer Sujets Zuflucht zum Geist der Disziplin nahm. Nur selten war sie eine fröhliche Wissenschaft.

Erst seit der Lustrevolution der Jahre nach 1968 und der postmodernen Wende gab es häufiger Lustzeichen. Literatur konnte Medium der sexuellen Emanzipation sein, was freilich wieder eine ernste Sache war.

Wissenschaftlich wurde der "Körper" des Textes (wieder-)entdeckt. Dabei schwang freilich auch ein Motiv mit, das heute die Literatur der Lust in die möglichst weit geöffneten Arme treibt. Um sich in der Konkurrenz der Medien zu behaupten und der Melancholie postgutenbergscher Elegien zu entgehen, muß sie zumindest Spaß machen. Der Lesespaß ist die hochkonjunkturelle Form der Leselust. Die "Unterhaltungs- und Fun-Gesellschaft" fordert ihren Tribut.

In dieser Lage setzt das Buch des Bamberger Germanisten Thomas Anz auf eine Leselust, die sich von der tradierten Lustferne der Literaturwissenschaft mit Entschiedenheit abwendet, ohne in den Wogen der Spaßkultur unterzugehen. Es ist der erste grundlegende Versuch in dieser Richtung. Wenn es künftig eine "literaturwissenschaftliche Hedonistik" geben sollte, so Anz' famoser Begriff, dann wird sein Buch zu den Gründungsakten gehören.

Natürlich sind an die Darstellungsform gesteigerte Ansprüche zu stellen. Anz will systematisch, nicht historisch verfahren, was ihm in der Assoziation des Materials einige Freiheit gibt. Dennoch schreibt er öfters additiv - mit der Folge, daß das Buch dank seiner großen Belesenheit auch den Eindruck der Beliebigkeit hervorrufen kann. Ganz so spannend, wie man es von der Erregung einer rechtschaffenen Vorlust erwarten könnte, ist das Buch auch nicht. Man spürt, daß der Autor durch die Dressur seiner Zunft gegangen ist und gerade bei diesem Thema unter Rationalisierungsdruck steht.

Alle möglichen Leselüste werden von der erstaunlich vielfältigen, geradezu pluralistischen Hedonistik katalogisiert: die Lust am Spiel, am Schönen und am Schrecklichen, an Spannung und Entspannung, am Lachen und am Weinen und last, but not least, auch die erotische, die sexuelle, ja, unerhörterweise die pornographische Lust. Das Buch ist freimütig genug, die Nähe der Literatur, gleich ob hoch oder niedrig, zum Vergnügen an sexuellen Gegenständen zur Not auch mit drastischeren Exempeln zu belegen. "Wer liest, will Lust" - und wer schreibt, auch.