Beruf verfehlt? Keine Angst. Für den Mediziner, der nach seinem Studium feststellen muß, daß er wegen der Ärzteschwemme viel weniger als erwartet verdienen wird, gibt es demnächst ein probates Mittel: Er kann sich einfach gegen drohende Einkommensverluste absichern - indem er an der Börse eine passende Put-Option kauft.

Was dem Arzt recht ist, ist dem Arbeiter billig: Auch er braucht sich künftig nicht mehr vor leeren Lohntüten zu fürchten. Dieses Problem nimmt ihm gegen entsprechendes Entgelt irgendein anonymer Akteur am Kapitalmarkt ab.

Steigende Preise, schwaches Wirtschaftswachstum? Alles halb so schlimm: Selbst solche makroökonomischen Risiken lassen sich bald verhüten.

Die schöne neue Welt wird in dem Buch "Derivatives - The Wild Beast of Finance" von Alfred Steinherr angekündigt. Der Titel führt allerdings auf die falsche Fährte: Der Autor, Chefvolkswirt der Europäischen Investitionsbank (EIB), hält Derivate, also abgeleitete Finanzprodukte wie Optionen, für überaus nützlich. Seiner Meinung nach mehren sie den Wohlstand.

Steinherr ist eine famose Zoologie des modernen Finanzdschungels gelungen.

Flott und verständlich beschreibt er eine der "wichtigsten Innovationen des 20. Jahrhunderts": das Management von Risiken mit Hilfe derivativer Instrumente. Glücklicherweise verzichtet der Autor auf die detaillierte Anatomie der komplizierten Exoten. Statt dessen konzentriert er sich auf das ökonomische Umfeld: Woher kommen die Biester, was können sie leisten, wie sind sie zu bändigen, welche Veränderungen werden sie auslösen?

Steinherr prophezeit ihnen eine große Zukunft. Sie würden weitere Wirtschaftsbereiche erobern, schreibt er, und die Machtverhältnisse in Politik und Ökonomie umwälzen. In ihrer Existenz bedroht sieht der Autor nicht nur herkömmliche Unternehmens- und Entlohnungsformen, sondern auch Banken und Notenbanken.

Bei seiner Bewunderung für die Bestien geht Steinherr allerdings öfter der Gaul durch. So, wenn er das Ende der Zentralbanken nahen sieht, die er vordem noch als wesentliche finanzielle Nahrungsquelle der Derivate gepriesen hatte.

Vor allem aber unterstellt er perfekte Märkte, die es in der Wirklichkeit nicht gibt, und unterschlägt damit wesentliche Kosten der Veranstaltung. Das Wachstum dieser Märkte, auf denen Risiken umverteilt werden, hält Steinherr im übrigen für grenzenlos. Die Frage ist aber, ob sich in dem gigantischen Wettbüro, in das sich die Welt nach seinem Modell verwandelt, immer genügend finanzkräftige Mitspieler finden, die zudem jeweils wissen, was sie tun.

Und es gibt einen weiteren gravierenden Einwand: Solange die Gewinne der Derivatezocker privatisiert und die Verluste sozialisiert werden, ist das derivative Kasino gerade das, was es Steinherr zufolge gerade vermindern helfen soll - ein teures Risiko für die Gesellschaft.

Alfred Steinherr: Derivatives - The Wild Beast of Finance John Wiley & Sons Ltd, Chichester/England 1998 430 S., 78,- DM