Berlin

Sie wohnt fast so, wie Tucholsky es sich immer wünschte: vor sich die Ostsee und hinter sich die Friedrichstraße. Auf die See blickt sie zwar nicht, aber auf kleine Gärten mit Blumen und Obstbäumen, auf Grün mit Kastanien und Rotdorn, wo sich Katzen in der Sonne rekeln und Wäsche im Wind flattert.

Friedrichstraße 129.

Gleich nebenan liegt der Bahnhof Friedrichstraße, ein paar Schritte sind es zum Berliner Ensemble, wo Gisela May dreizehn Spielzeiten lang Brechts Mutter Courage gespielt hat. Wo Hanns Eisler ihr Talent für Brecht-Songs entdeckte, durch das sie ein Exporthit der DDR wurde, mit Tourneen in die große Welt.

Zum Deutschen Theater ist es ebenfalls nur ein Katzensprung. Hier begann ihre Berliner Karriere. Auch zum Metropol-Theater ist es nicht weit, hier spielte sie die Titelrolle in "Hello Dolly"

oder zur Staatsoper, wo sie in Brechts "Die sieben Todsünden der Kleinbürger" auftrat. Alles zu Fuß zu erreichen.

Seit 1961 lebt sie hier, in einem der eher kleinen Häuser, zusammen mit ihren Katzen, mit Minchen und Weißchen. Hier habe ich sie früher oft besucht, als sie noch mit dem Philosophen Wolfgang Harich zusammenlebte. Ich bewunderte beide, rannte in die Vorstellungen mit der May und ließ mir von Harich die DDR erklären. In den fünfziger Jahren hatte er Wiedervereinigungspläne geschmiedet und dafür - nach dem Einmarsch der Sowjets in Ungarn - acht Jahre im Gefängnis gesessen. Das ist lange her. Die beiden trennten sich. Harich ging in den Westen, kam zurück und ist inzwischen gestorben.