Wahlkampf oder mehr? Das ist die Frage. Jedenfalls stimmt seit der sogenannten Castor-Affäre die Chemie zwischen Atommanagern und den obersten Atomaufsehern in Bonn nicht mehr. Nicht etwa, weil Angela Merkel ins Lager der Nuklearkritiker konvertiert wäre die Umweltministerin ist nach wie vor von der friedlichen Kernenergienutzung überzeugt. Und das, obwohl sie von der Branche jahrelang darüber im unklaren gelassen wurde, daß deren Atommüll immer mal wieder in radioaktiv kontaminierten Behältern bei den Wiederaufarbeitungsanlagen im französischen La Hague und im britischen Sellafield ankam. Für diese Treue zum Atom muß Merkel zwar Prügel von Greenpeace und von ihrer hessischen Kollegin Priska Hinz einstecken doch daran ist sie schon gewöhnt. Was die Ministerin allerdings nervt, ist, daß ihr nun auch die Atombranche selbst die Freundschaft aufgekündigt hat.

Wer dieser Tage mit Merkels Beamten redet, bekommt den Frust der Atomaufseher ungewohnt offen zu spüren. Nicht nur von einem Kräftemessen zwischen Politik und Wirtschaft ist die Rede, sondern auch davon, daß die Vorstände der Stromunternehmen wohl glaubten, am längeren Hebel zu sitzen, und ihnen das Gespür für rechtes Krisenmanagement abhanden gekommen sei.

Drei Monate vor der Bundestagswahl macht es sich zwar gut, wenn die stellvertretende CDU-Vorsitzende auch mal der Industrie die Zähne zeigt.

Merkels Verärgerung hat aber wohl noch einen tieferen Grund: Die Ministerin, die sich stets für die Sache der Nukleargemeinde stark gemacht hat, fühlt sich von den Stromchefs schnöde im Stich gelassen. Die wiederum sind auf die Atomaufseherin nicht mehr gut zu sprechen, weil Merkel bei der Castor-Affäre mit viel politischem Instinkt in die Offensive ging und selbstbewußt behauptet, sie habe die Angelegenheit aufgedeckt. Die Spitzenmanager der Atombranche, offenbar sensible Herrschaften, fühlen sich dadurch an den Pranger gestellt und sind deshalb so übellaunig, daß sie auch bei anderen Vorhaben nicht mehr mit der Umweltministerin kooperieren wollen.

Das alles geht aus einem Vermerk hervor, den ein Merkel-Beamter über ein Gespräch zwischen Spitzenfunktionären der Elektrizitätswirtschaft und Beamten des Bonner Wirtschaftsministeriums anfertigte. In der Unterredung, die bereits am 28. Mai stattfand, gaben die Industrievertreter ihren massiven Protest gegen das "unglückliche" politische Management der Castor-Affäre zu Protokoll. "Millionen, die die E-Wirtschaft in den letzten Monaten in eine Imagekampagne pro Kernenergie gesteckt habe, seien verloren", zitiert der Protokollant den Präsidenten der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke (VDEW), Heinz Klinger. Die Wirtschaft sehe nicht nur "keinerlei Grund", sich etwa bei der Bundesregierung für Fehlverhalten zu entschuldigen vielmehr werde die Verschlechterung des Klimas auch negativ auf die Bereitschaft der Stromunternehmen ausstrahlen, "einen konstruktiven Beitrag zur verstärkten Nutzung der Kraft-Wärme-Kopplung und den verstärkten Einsatz erneuerbarer Energien zu leisten".

Eine solche Selbstverpflichtung würde Merkel der Industrie gerne abringen, um ihren Zusagen zum Klimaschutz Taten folgen zu lassen. Die Elektrobranche mag der in Ungnade gefallenen Ministerin aber auch deshalb nicht entgegenkommen, weil Bonn den Strommarkt weitgehender liberalisiert habe, als es den Wünschen der Unternehmen entsprochen hätte. Der Wettbewerb zwinge halt dazu, gegenüber allen Sonderlasten noch sensibler zu sein, bestätigt der VDEW-Hauptgeschäftsführer Eberhard Meller, der bei dem abendlichen Meinungsaustausch in Bonn ebenfalls anwesend war. Er hält die Notiz des Merkel-Protokollanten zwar für zugespitzt, macht aber keinen Hehl daraus, daß "nicht die beste Atmosphäre" zwischen der Atombranche und ihren Aufsehern herrsche.

Damit nicht genug: Unmut schlägt Merkel auch von den Grünen entgegen. Die werfen ihr vor, nach der Castor-Affäre zu sanft mit der Nuklearbranche umgegangen zu sein. Tatsächlich verzichtete Merkel darauf, die Genehmigungen zum Atommülltransport förmlich zu widerrufen, und begnügte sich mit dem Gentlemen's Agreement, daß bis auf weiteres kein Atommüll mehr transportiert wird. Dieses Entgegenkommen wiederum nutzte die hessische Umweltministerin Priska Hinz Anfang der Woche zu einer Provokation gegenüber Merkel: Wohl in der stillen Hoffnung, die oberste Atomaufseherin werde sich öffentlich als unverbesserlicher Nuklearfan outen, untersagte die grüne Umweltpolitikerin der in Hanau ansässigen Transportfirma Nuclear Cargo + Service GmbH (NCS), von ihren Genehmigungen zum Transport abgebrannter Brennelemente Gebrauch zu machen. Merkel hält die Untersagung zwar für rechtswidrig, will sich aber nicht zu einer Bundesweisung an ihre hessische Kollegin hinreißen lassen. NCS selbst will sich nun gegen die Untersagung aus Wiesbaden wehren.