Ursache unbekannt, Therapie schwierig. Trotz neuer Erfolgsmeldungen gilt diese Diagnose noch immer für die Alzheimer-Krankheit, der vermutlich häufigsten Ursache für Demenz im Alter. Eines der ungelösten Rätsel ist die Rolle, die das Amyloid spielt. Ablagerungen dieses Eiweißes werden in den Gehirnen von Alzheimer-Kranken gefunden. Doch ist dies die Ursache oder nur eine Folge des massiven Abbaus von Hirnzellen, der die Krankheit kennzeichnet? Obwohl diese zentrale Frage ungeklärt ist, suchen viele Wissenschaftler schon nach einer Therapie, die beim Amyloid ansetzt.

Die jüngste Variante kommt aus den USA. Eine Arbeitsgruppe um Claudio Soto von der New York University School of Medicine berichtet, daß ein von ihr hergestelltes, einfaches Protein die Bildung von Amyloid in den Gehirnen von Ratten vollständig unterbindet (Nature medicine, Nr. 7, S. 832). Der "Beta-Faltblatt-Brecher", wie die Forscher das aus nur fünf Aminosäuren bestehende Eiweiß nannten, löste zudem bereits gebildete Amyloid-Ablagerungen wieder auf. Das sei "ein guter Ansatz für eine Therapie", meint Claudio Soto. Erste Experimente mit menschlichen Nervenzellen im Reagenzglas seien bereits vielversprechend verlaufen.

Ob diese Ergebnisse jemals zur praktischen Anwendung kommen, wird wohl noch lange unklar bleiben. Denn sowohl Sotos Substanz als auch das Nymox-Präparat befinden sich noch im frühen Tierversuchsstadium. Einer der angesehensten deutschen Alzheimer-Forscher, Konrad Beyreuther vom Zentrum für Molekulare Biologie in Heidelberg, wertet Sotos Resultate dennoch als "hoch interessant". Schließlich schreibt auch er dem Amyloid eine zentrale Rolle bei der Entstehung der Alzheimer-Krankheit zu. "Aber zur Therapie sollten wir etwas finden, das bereits auf dem Markt ist", fordert Beyreuther.

Und er glaubt auch zu wissen, welche Medikamente das sein könnten: Cholesterinsenker. "Wenn der Zusammenhang stimmt, sollten diese Medikamente bei der Alzheimer-Krankheit eingesetzt werden", sagte er in der vergangenen Woche auf dem Europäischen Forum für Neurowissenschaften in Berlin.

Beyreuther fand heraus, daß Nervenzellen praktisch kein Amyloid mehr produzierten, wenn ihnen Cholesterin entzogen wurde (Neurobiology, Bd. 95, S.6460). Dazu passe der Befund, daß auch Östrogen die Amyloid-Bildung deutlich senkt (Nature medicine, Nr. 4, S.447). "Denn Östrogen reguliert und kontrolliert die Cholesterinsynthese", sagt er. Nach seiner Hypothese ist das Amyloid wichtiger Bestandteil eines großen Eiweißes, das die Nervenzellkontakte herstellt. Liegt es in hohen Konzentrationen vor, so könnte das die neuronale Kommunikation lahmlegen. Fehlfunktionen und schließlich gar der Tod der betroffenen Nervenzellen wären die Konsequenz.

Forschungsergebnisse und Erklärungsmodell hält Beyreuther für genügend schlüssig, um den baldigen Beginn klinischer Tests zu fordern. Noch aber stehen solche Versuche vor der großen Schwierigkeit, daß sich Alzheimer am lebenden Menschen nicht eindeutig diagnostizieren läßt. Sicherheit liefert erst eine Autopsie. Eines der wichtigsten Kriterien für den Neuropathologen ist dabei die Zahl der Amyloid-Ablagerungen im Hirngewebe. Hier schließt sich der Kreis der Vermutungen.