Selten zuvor sind Bernhard Jagoda seine Zahlen von den Regierenden so aus den Händen gerissen worden. Vier Tage bevor Deutschlands oberster Arbeitsverwalter an diesem Dienstag seine neuesten Statistiken für den Juni präsentieren wollte, konnte Regierungssprecher Otto Hauser nicht mehr an sich halten. Um 122000 sei die Zahl der Arbeitslosen gesunken auf nur mehr 4,075 Millionen, verkündete er stolz, das sei der größte Rückgang in einem Juni seit der Wiedervereinigung und, ganz klar, ein Erfolg der unbeirrten Politik der Bundesregierung. Das Schönste aber: In den nächsten Monaten werde die Arbeitslosigkeit weiter zurückgehen - Hoffnung für Menschen ohne Job, Hoffnung aber auch für die Bundesregierung. Siegessicher wie lange nicht gab sich Helmut Kohl Anfang dieser Woche, und auch das liegt an den frohen Botschaften vom Arbeitsmarkt.

Das Szenario kennt man schon. Es war 1994, im Jahr der letzten Bundestagswahl, als die Nürnberger Zahlen ebenfalls stetig fielen, auf schließlich unter 3,5 Millionen im Herbst. Die Jobkrise verlor vorübergehend etwas von ihrem Schrecken, die Wahlkampagne der Sozialdemokraten ("Arbeit, Arbeit, Arbeit") sackte schlapp in sich zusammen, der Rest ist bekannt. Der Kanzler packte es noch mal, und schon bald nach dem Urnengang stieg die Arbeitslosigkeit wieder munter: auf mehr als 4,8 Millionen im vergangenen Winter.

Zumindest im Osten ist kaum zu bestreiten, daß die Statistik mit Geld aus Bonn ein wenig aufgeschönt wurde. Nachdem die Bundesregierung ihre Zuwendungen für den zweiten Arbeitsmarkt in den zurückliegenden Jahren kontinuierlich zusammenstrich, legte sie in diesem, dem Wahljahr, Sonderprogramme für Arbeitsbeschaffungs- und sogenannte Strukturanpassungsmaßnahmen auf. Um zusätzlich 120000 Menschen sei so der Arbeitsmarkt Ost entlastet worden, meint Rüdiger Soltwedel, Ökonom am Kieler Institut für Weltwirtschaft. Als Mittel der Sozialpolitik sind die ABM bei vielen Experten anerkannt - ob sie den Betroffenen aber tatsächlich helfen, wieder einen festen Job zu finden, ist hingegen zweifelhaft. Mit Sicherheit überdecken sie die reale Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. "Ohne die aktive Arbeitsmarktpolitik wäre die Arbeitslosigkeit im Osten saisonbereinigt wohl nicht gesunken, sondern weiter gestiegen", sagt Soltwedel.

Von einer Trendwende mag der gestrenge Professor aus Kiel aber auch im Westen nichts hören. "Die Besserung ist rein konjunkturell bedingt", an den weitaus gewichtigeren strukturellen Problemen des deutschen Arbeitsmarktes habe sich wenig geändert. Ohne "eine fundamentale Reform der Institutionen", ohne mehr Flexibilität bei Löhnen und Arbeitszeiten, ohne höhere Mobilität und Qualifikation der Menschen werde sich die Lage kaum bessern, singt Soltwedel unverdrossen das alte Standortlied.

Nur mag ihm derzeit niemand so richtig zuhören. Denn tatsächlich bleibt die muntere Konjunktur nicht ohne Wirkung auf die Beschäftigung. Saisonbereinigt geht die Arbeitslosigkeit im Westen bereits seit dem vergangenen Spätherbst zurück, die Zahl der offenen Stellen steigt, ebenfalls saisonbereinigt, sogar seit Mitte des Jahres. Seit dem Mai liegt sie bundesweit bei mehr als 483000 - dem höchsten Stand seit der Einheit. Vor allem der Exportboom sorgt für neue Jobs. Allein die Metallindustrie, in der es mit der Beschäftigung jahrelang nur bergab ging, will in diesem Jahr mindestens 50000 neue Arbeitsplätze schaffen. Bald, so hoffen die Optimisten, könnten auch die binnenmarktorientierten Wirtschaftszweige mitgezogen werden. Nach der jüngsten Verbandsumfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft rechnen immerhin 29 von 42 Branchen spätestens im kommenden Jahr mit der "Wende" bei der Beschäftigung.

"Wir dürften über den Berg sein", glaubt auch Otto-Werner Schade, Präsident des Landesarbeitsamtes Baden-Württemberg. So richtig fröhlich macht ihn das dennoch nicht. Denn Schade muß sich mit einem Phänomen herumschlagen, das sich sehr schnell zu einem ernsthaften Problem der deutschen Wirtschaft auswachsen könnte: Kaum zieht die Beschäftigung wieder ein wenig an, suchen die Unternehmen händeringend nach qualifizierten Bewerbern. Gerade die exportstarke Industrie im Süden bekommt den Mangel früh zu spüren. Ob Maschinen- oder Fahrzeugbau, Elektrotechnik oder die vielen Zulieferer der Autoindustrie: Weil Fachleute fehlen, droht das junge Wachstum schon wieder gebremst zu werden.

Arbeitskräftemangel bei mehr als vier Millionen Beschäftigungslosen - wie kann das sein? Roland Berger, Münchner Star der Unternehmensberaterszene, hat zur Erklärung eine kühle Rechnung parat. Die mehr als anderthalb Millionen Langzeitarbeitslosen, immerhin rund 37 Prozent, seien "praktisch nicht vermittelbar". Weitere 30 Prozent der Arbeitslosen fänden spätestens nach drei Monaten wieder einen Job und stünden als zusätzliches Reservoir für den Aufschwung also nicht zur Verfügung. Und der Rest sei ja gar nicht mehr so groß, jedenfalls nicht groß genug, um allerorten den Bedarf an passenden Leuten zu decken.