Nie mehr Weltmeister werden, nie mehr Europameister? Kann sich einer vorstellen, wie das wäre? Deutschland muß schon um die Qualifikation für die großen Turniere bangen, und dann ist in der Vorrunde Schluß, spätestens im Achtelfinale. Brasilien und Holland sind weit entrückt, zum Maßstab werden Belgien und Paraguay.

Undenkbar ist das nicht mehr. Zum ersten Mal überhaupt droht der deutsche Fußball den Anschluß an die Weltspitze zu verlieren. Mit dem 0:3 gegen Kroatien im Viertelfinale der Weltmeisterschaft hat das wenig zu tun. Die rote Karte gegen Christian Wörns in der ersten Halbzeit hat das Spiel entschieden. Ohne dieses Foul wäre Deutschland womöglich ins Semifinale eingezogen. Aber das hätte an der schlechten Prognose nichts geändert. Sie wäre nur verdeckt worden vom Erfolg. So aber kann jetzt niemand sagen: Was wollt ihr denn, sie siegen doch!

Berti Vogts hat am Sonntag bei seiner letzten Pressekonferenz in Nizza die Journalisten um Unterstützung gebeten. Wenn er künftig junge Spieler erprobe, sollten die nicht nach einer mäßigen Leistung niedergeschrieben werden. Damit hat er unterstellt, in Deutschland gebe es ein Klima, das Talenten nicht wohlgesonnen sei. Doch für den Kader der Nationalmannschaft ist nicht die Presse verantwortlich, sondern der Bundestrainer.

Vogts hat zwei Weltmeisterschaften bestritten, und jedesmal vertraute er den Alten, 1994 Völler und Brehme, 1998 dem 37jährigen Lothar Matthäus und einer ganzen Riege von Senioren. Das durchschnittliche Alter lag bei 31 Jahren, höher als bei jeder anderen Mannschaft des Turniers. Vogts hat offenbar so kalkuliert: Wenn ich mit den erfahrenen Spielern den Titel gewinne, nimmt mir keiner übel, daß ich dem deutschen Fußball keine Perspektive gebe. Nun gibt es weder einen Titel noch ein Team mit Zukunft. Jürgen Klinsmann, der Star der letzten Jahre, zieht sich aus der Nationalmannschaft zurück. Lothar Matthäus ist zu alt, und Andreas Möller hat so schwach gespielt, daß er endgültig als Hoffnungsträger ausscheidet.

Zum einen fehlte Vogts der Mut, jüngere Spieler zu berufen, zum anderen fehlen die jüngeren Spieler, die gut genug sind für eine Weltmeisterschaft. Wer ist der Michael Owen des deutschen Fußballs? Als das größte Talent gilt der 22jährige Lars Ricken von Borussia Dortmund, doch der hat eine miserable Saison hinter sich. Vogts hätte sehr mutig sein müssen, ihn mitzunehmen.

Es gibt erschreckend wenig Talente in der Bundesliga. Für Vogts liegt das vor allem am Bosman-Urteil, das Freizügigkeit auf dem Spielermarkt gewährt. Seit diesem Urteil dürfen die Vereine beliebig viele Ausländer einsetzen. Vor allem osteuropäische Spieler sind billig zu haben, weshalb es schwer ist für junge Deutsche, einen Stammplatz in einer Bundesligamannschaft zu ergattern und sich Reife für die Nationalmannschaft zu erspielen.

Ruud Gullit als Bundestrainer, das wäre ein Signal