Die Zeichen stehen, wenn nicht auf Sturm, so doch auf Globalisierung. Weil die Verteilungskämpfe härter und die Sitten rauher werden, empfehlen Politiker immer unverfrorener den Ausschluß von "Überflüssigen" als ein probates Mittel der Politik. Politiker sprechen von kriminellen Ausländern oder ausländischen Kriminellen, von illegalen Einwanderern oder auch den typischfaulen Arbeitslosen. Der realpolitische Allparteien-Zynismus gegen die Deklassierten der Arbeitsgesellschaft mag ein Reflex unserer politischen, sozialen und ökonomischen Moderne sein. Unvermeidlich scheint der Versuch, ihrer tatsächlichen, aber auch konzeptionellen Enge zu entfliehen. Moderne Zeiten: Das Unbehagen wird grenzenlos, allein der Verstand ist noch rege.

Bezeichnend dafür sind die Begriffsverschiebungen, die derzeit Konjunktur haben. Soziologen strecken sich Hals über Kopf nach einer "Zweiten" oder gar einer "Dritten Moderne". Andere nehmen Abschied vom Sozialstaat und schwärmen von einem mildtätigen "Gemeinwohlunternehmertum" oder von einer Art "Arbeitsdienst". Derlei ist freilich nicht ganz ungefährlich. Der fast schon mythisch erscheinende Zwang zur Wettbewerbsfähigkeit wird vorauseilend, wenn nicht zum Schicksal, so doch zur persönlichen Verantwortung der Verlierer umgedeutet. Einspruch zwecklos, mutet es an, und doch liegt gerade hier der Einsatz einer soziologischen Aufklärung der eigenen französischen Art: der von Pierre Bourdieu.

Der Bogen von Bourdieus Interesse spannt sich von Plato und Aristoteles über Machiavelli, Hume, Kant und Hegel bis hin zu Husserl und Heidegger. Bemerkenswert sind auch die Auseinandersetzungen mit einer Reihe von Denkern, die eher der analytischen Philosophie zugerechnet werden, mit Wittgenstein, Austin, Strawson und Kripke. Allerdings ist bei Bourdieu alle Theorie nicht grau, sondern dem Leben verpflichtet. En passant fließt sie ein in die Beschäftigung mit Kunst, Bürokratie, Kirche oder Moral. Erst hier, im Konkreten, werden die Umrisse seiner Sozialphilosophie deutlich.

Bourdieu rückt die handelnden Individuen in den Vordergrund. Damit wendet er sich nicht nur gegen den Funktionalismus der Systemtheorie, sondern vermeidet auch Mutmaßungen über eine "substantielle" Wirklichkeit, ein "wahre" Natur oder ein unwandelbares "Wesen" des Menschen. Nur weil Individuen handeln, finden sie sich in den Beziehungen ihrer sozialen Welt wieder, und nur in diesem Netzwerk aus Interessen, Strategien, Konflikten oder Kooperationen können Werte und Normen entstehen und wirksam sein. Freilich gehören hierher auch die scheinbar essentiellen und naturwüchsigen Tatsachen wie "Klasse", "Rasse", "Geschlecht" oder "Nation".

Weil er gegen diese "Essentialismen" erhebliche Vorbehalte hat, entwirft Bourdieu eine an unsere Wirklichkeit zurückgebundene "Allgemeinheit". Das ist nicht ohne Tücke. Auf der einen Seite warnt Bourdieu vor den Gewalten von Markt und Wettbewerb. Auf der anderen Seite sieht er, daß die Ökonomie genau das ins Werk setzt, was er sich von seiner sozialen Verpflichtung aufs Allgemeine erhofft: Auch die Globalisierer und Deregulierer sind streng anti-essentialistisch und lösen die "naturwüchsigen" Tatsachen von "Klasse" und "Nation" auf. Deshalb verlegt Bourdieu die praktisch-konkrete Allgemeinheit in die Spannung zwischen sozialem Feld (etwa dem Milieu der Privathaushalte, der Universität, der Parteien oder Unternehmen) und handelnden Akteuren. Dieses spannungsvolle, nie harmonische Gefüge ist die individuelle Disposition des Handelns, der Habitus . Man könnte auch sagen: Werte und Normen sind nur dann wirklich, wenn man sie verinnerlicht hat, wenn sie konkret und individuell verkörpert werden. Nur unter diesen "leiblichen", "materiellen" Bedingungen entsteht für das Handeln ein verbindlicher Maßstab, sei es die Universalisierung oder sei es das Gemeinwohl. Ansonsten bliebe es gänzlich abstrakt, freischwebend, als sei es nicht von dieser Welt.

Diese Rückbindung ans Konkrete, an das soziale Feld, ist für Bourdieu der unkündbare Ausgangspunkt aller politischen und sozialen Theorie. Das setzt freilich auch der hierzulande verbreiteten Leidenschaft fürs Prozedurale, für die Verwandlung aller möglichen Fragen und Probleme in formale Verfahren enge Grenzen. Doch seine Rückbindung an die Praxis ernüchtert auch. Denn wenn das Handeln immer in einem habitualisierten und institutionellen Milieu stattfindet und wenn Institutionalisierung immer ein austariertes Verhältnis zwischen Ein- und Ausschluß bedeutet - dann wird in diesem Reglement der Zugehörigkeiten alles Handeln eingeschränkt sein. Der soziale und politische Ausschluß von Menschen ist unvermeidlich.

Die bitteren Konsequenzen dieser Überlegung kann man sich angesichts der Diskussion um die Menschenrechte vor Augen führen. Auch der notwendige Kampf um ihre universale Geltung wird erst durch eine solche Einschränkung möglich. Damit aber zeigt sich, daß nicht nur das "Elend dieser Welt" den Aufklärer bedrücken muß, sondern auch sein eigenes Tun. Das ist Zumutung wie Entmutigung zugleich, und doch verweigert Bourdieu den eilfertigen Trost durch die Philosophie. Bei ihm finden sich weder eine bequeme metaphysische Beruhigung noch eine Letztbegründung.